Presserat bekommt neuen Präsidenten und präsentiert Fallstatistik für 2015

Wolfgang Pichler einstimmig zum Präsidenten gewählt

Wien (OTS) -

Neuer Präsident des Trägervereins

Heute, Freitag, fand die Jahrespressekonferenz des Presserats statt. Dabei wurde der neue Präsident des Trägervereins Wolfgang Pichler, Verlagsleiter des Manz-Verlags und Präsident des Österreichischen Zeitschriften und Fachmedienverbands, vorgestellt. Er wurde in der gestrigen Sitzung des Trägervereins einstimmig gewählt und tritt die Nachfolge von Astrid Zimmermann an, die gestern aus dem Trägerverein ausgeschieden ist und den Presserat seit seiner Wiedergründung im Jahr 2010 unterstützt und gefördert hat.

„Ich freue mich, dass der ÖZV von Anfang mit an Bord war und sich der Presserat bei den Leserinnen und Lesern gut etabliert hat. Das sieht man auch daran, dass es im letzten Jahr zu dem Bild der toten Flüchtlinge im LKW auf der A4 mit 180 Beschwerden einen Negativrekord gab“, so Wolfgang Pichler. Neuer Vizepräsident ist Thomas Götz, stv. Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ (entsandt vom Verein der Chefredakteure).

Fallstatistik 2015

Der Presserat zog bei der Pressekonferenz auch Bilanz über das Jahr 2015. Die Senate des Presserats behandelten im Vorjahr insgesamt 253 Fälle, in 44 Fällen stellten sie Verstöße gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse fest. Neun dieser 44 Ethikverstöße wurden als geringfügig eingestuft und daher bloß Hinweise ausgesprochen. Zum Verglich: 2014 gab es bei 238 Fällen 35 Ethikverstöße (davon 2 Hinweise).

Nachfolgend die Fallzahlen 2015 für einzelne Medien und in Klammer dazu jeweils die medienethischen Verstöße: „Kronen Zeitung“ 54 Fälle (19), „Österreich“ 29 (9), „Der Standard“ 24 (2), „Heute“ 23 (7), „Kleine Zeitung“ 14 (1), „Kurier“ 13 (2), „Die Presse“ 11 (1), „Bezirksblätter“ 9 (2), „Profil“ 7 (1), TT 7 (0), SN 5 (1), VN 7 (0) „OÖNachrichten“ 5 (2), „Wiener Zeitung“ 4 (1).

In neun Fällen wurden die Senate eigenständig aktiv; dabei wurden sieben Ethikverstöße festgestellt.

Medienethische Entscheidungen des Jahres 2015

Die meisten Ethikverstöße betrafen Persönlichkeitsverletzungen (Punkt 5 des Ehrenkodex für die österreichische Presse) und Diskriminierungen von Personengruppen (Punkt 7 des Ehrenkodex).

Zu den Persönlichkeitsverletzungen zählten u.a.: Die Veröffentlichung von Bildern der trauernden Angehörigen nach dem German-Wings-Absturz; die Veröffentlichung eines IS-Videos, in dem das Ertränken von Gefangenen in einem Eisenkäfig gezeigt wird; die Verwendung von privaten Facebook-Fotos einer ermordeten Taxilenkerin; die Veröffentlichung eines Fotos, das den Sarg eines Mordopfers und die Trauergemeinde zeigt; die Veröffentlichung eine Bildes mit toten Flüchtlingen in einem LKW auf der A4; die Vorverurteilung der Schlepper der Flüchtlinge dieses LKWs in einer Twitter-Meldung einer Tageszeitung; die Veröffentlichung eines Bildes von Ex-Miss Austria Ena Kadic nach ihrem Absturz; die Bezeichnung eines Sängers als „eine Art Oberkakerlake im rechten Eck“; die Falschmeldung, dass 60 Polizisten in einer Wiener Gemeindewohnung zwei Dschihadisten mit Maschinenpistolen verhaftet hätten; die Freischaltung eines Postings in einem prä-moderiertem Forum, in dem die Erschießung der Autoren eines satirischen Reiseführers gefordert wurde.

Als Diskriminierungen werteten die Senate: Die überzogene Darstellung von Protesten von Flüchtlingen in einem Zeltlager in OÖ; die Identifikation mit der Äußerung, dass durch die Einwanderung von Flüchtlingen „eine Mischrasse mit einem IQ von 90“ in Europa geschaffen werden solle; die Bezeichnung von FPÖ-Anhängern als „hässlichste Menschen Wiens“; nicht recherchierte negative Vorfälle mit Flüchtlingen in einem Kommentar (Afghanen schlitzen in ÖBB-Waggons die Sitze auf; Horden von Flüchtlingen stürmen die Supermärkte und reißen die Packungen auf).

Darüber hinaus gab es auch Verstöße gegen das Gebot, zwischen Werbung und redaktionellen Inhalten zu unterscheiden. So wurde z.B. die Veröffentlichung von drei wohlwollenden Interviews mit Unternehmenschefs in einer Gratiszeitung - gekoppelt mit ganzseitigen Inseratenschaltungen auf der gegenüberliegenden Seite - als Ethikverstoß gewertet. Beanstandet wurde auch die als „Reportage“ verschleierte Werbung für ein Bordell in Kärnten in einer Gratis-Wochenzeitung.

Keine Ethikverstöße stellten die Senate in den folgenden Fällen fest:
Die Veröffentlichung eines Bildes, das einen Polizisten kurz vor dessen Ermordung durch die „Charly-Hebdo“-Attentäter zeigt; eine Reportage über den Unmut von Anrainern des Flüchtlingslagers Traiskirchen; die Veröffentlichung von Bildern eines toten Flüchtlingskinds am Strand von Bodrum; die Veröffentlichung von Namen und Bild eines Co-Piloten, der offenbar absichtlich einen Airbus abstürzen ließ; die Bezeichnung des griechischen Ex-Finanzministers Varoufakis als „notorischen Falschspieler“ und „linkslinken Ochi-Trommler“; die Schlagzeile „Flüchtlings-Tsunami spült Gesetze weg“; der Vorwurf einer „geistigen Umnebelung“ an FPÖ-Politikerin Ursula Stenzl; die Aufforderung in einem Vorwort eines Monatsmagazins, nicht die FPÖ zu wählen.

Den Tätigkeitsbericht 2015, in dem viele der oben genannten Fälle genauer beschrieben werden, sowie eine detaillierte Fallstatistik finden Sie unter www.presserat.at.

Rückfragen & Kontakt:

Alexander Warzilek, Geschäftsführer des Presserats
Tel.: 01-2369984-01

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