- 12.05.2015, 10:23:51
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NGOs schlagen Alarm: Das „Netz des Lebens“ in Europa ist in Gefahr!
Europaweite Kampagne gegen Aufweichung des EU-Naturschutzrechts startet heute
Utl.: Europaweite Kampagne gegen Aufweichung des
EU-Naturschutzrechts startet heute =
Wien. (OTS) - PRESSEKONFERENZ
WWF, Umweltdachverband, Österreichischer Alpenverein, BirdLife
Österreich, Naturschutzbund Österreich
- EU-Naturschutzrichtlinien sind wichtiges Instrument für den Erhalt
der Biodiversität
- "Fitness-Check" der EU-Kommission darf erfolgreichen Naturschutz
nicht schwächen
- Schulterschluss der Naturschutzorganisationen gegen Abänderung der
Richtlinien
- Europaweites Schutzgebiete-Netzwerk Natura 2000 muss gestärkt
werden
Wien, 12.05.15 - Zwei weltweit wegweisende Regelungen für den Natur-
und Artenschutz in der Europäischen Union stehen bis zum 24. Juli auf
dem Prüfstand der europäischen Öffentlichkeit: 1979 bzw. 1992
erlassen, um die biologische Vielfalt Europas zu bewahren, sollen die
beiden wichtigsten EU-Rechtsgrundlagen für den Natur- und
Artenschutz, die Vogelschutz- und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie,
einen "Fitness-Check" durchlaufen - mit möglicherweise fatalen Folgen
für bedrohte Arten und Lebensräume von EU-Bedeutung, auch in
Österreich. "Wir befürchten, dass die Erfolge des Naturschutzes
rückgängig gemacht werden und künftig Eingriffe in Schutzgebiete
wieder leichter möglich sind", warnen die VertreterInnen von WWF,
Umweltdachverband, Österreichischer Alpenverein, BirdLife und
Naturschutzbund Österreich heute in Wien. Die Organisationen rufen
alle ÖsterreicherInnen dazu auf, sich in den kommenden Wochen online
an der EU-Konsultation zu beteiligen und sich gegen die Aufweichung
des Naturschutzrechts in den EU-Ländern zu engagieren. Auf
www.wwf.at/natura2000 und www.umweltdachverband.at bieten der WWF und
der Umweltdachverband dazu Hilfe an.
Bemühungen um den Erhalt der biologischen Vielfalt müssen verstärkt
werden
Fest steht, dass sich der Zustand der Lebensräume und Arten in den
letzten Jahren in vielen Gebieten verschlechtert statt verbessert hat
- im Durchschnitt sind 60 Prozent der Arten und 77 Prozent der
Habitate von gesamteuropäischer Bedeutung immer noch bedroht. "Wir
befürchten, dass durch eine Aufweichung der EU-Naturschutzrichtlinien
Arten wie Biber, Wolf und Kaiseradler, die beinahe ausgestorben waren
und sich endlich erholt haben, ihren strengen Schutzstatus verlieren,
als Folge sogar wieder abgeschossen werden dürfen und zudem wertvolle
Lebensräume wirtschaftlichen Interessen weichen müssen. Aus Sicht des
WWF müssen deshalb nun die Bemühungen um den Naturschutz und das
Engagement in Sachen Natura 2000 verstärkt werden. Die Überprüfung
der Naturschutzrichtlinien darf nicht als Vorwand dafür dienen, die
Gesetze, die alle 28 EU-Staaten zum Schutz bedrohter Tier- und
Pflanzenarten sowie ihrer Lebensräume verpflichten, aufzuweichen, um
etwa weiter neue Wasserkraftwerke zu bauen oder Schipisten in
Schutzgebieten noch einfacher zu erschließen", erklärt Beate
Striebel, stellvertretende Geschäftsführerin des WWF Österreich.
Natura 2000-Netzwerk muss so rasch wie möglich umgesetzt werden
"Für den Umweltdachverband sind die beiden Naturschutzrichtlinien der
EU eine bedeutende Errungenschaft im Einsatz für hohe europäische
Naturschutzstandards. Trotz teils schleppender Umsetzung von Natura
2000 in Österreich zeigen die europäischen Naturschutzrichtlinien
Erfolge und Wirkung", erklärt Franz Maier, Präsident des
Umweltdachverbandes. Allgemein gesehen schneidet Österreich
insbesondere bei der Umsetzung der Naturschutzrichtlinien aber
schlecht ab, was u. a. auch die zahlreichen (teilweise noch)
anhängigen Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich beweisen.
Als kontraproduktiv bezüglich einer effektiven Umsetzung haben sich
die uneinheitliche Vorgehensweise und mangelnde Abstimmung der
Bundesländer ausgewirkt. Die schnellstmögliche Umsetzung des gesamten
Natura 2000-Netzwerkes in Österreich muss deshalb jetzt oberste
Priorität haben. Nicht zuletzt auch, um die Ziele der
EU-Biodiversitätsstrategie 2020 und der neuen österreichischen
Biodiversitätsstrategie 2020+ zu erreichen. "Mit etwas gutem Willen
kann die österreichische Natura 2000-Gebietskulisse innerhalb eines
Jahres stehen. Und dann gilt es, mit Programmen und Projekten
gemeinsam mit der Land- und Forstwirtschaft mit Hochdruck an der
Erhaltung und Verbesserung der Schutzgüter zu arbeiten. Dies ist viel
wichtiger als eine mehr als fragwürdige Überarbeitung des
EU-Naturschutzrechts", so Maier.
Natura 2000 sorgt für wirtschaftlich und sozial positive Effekte in
den Regionen
Der Österreichische Alpenverein, als Naturschutzorganisation, aber
auch als größter Grundeigentümer im Tiroler Anteil des Nationalparks
Hohe Tauern betont seit langem, dass Natura 2000 sowohl
wirtschaftlich als auch sozial positive Effekte in den Regionen haben
kann und für die Erhaltung des Schutzguts trotz allfälliger Nutzung
sorgt. "So hat etwa eine Studie gezeigt, dass durch das Natura
2000-Gebiet Karwendel eine regionale Wertschöpfung von 3,3 Millionen
Euro und Beschäftigungseffekte von 86 Personenjahren entstanden ist",
betont Liliana Dagostin, Leiterin der Abteilung
Raumplanung-Naturschutz des Österreichischen Alpenvereins. Fakt ist,
dass die EU-Richtlinien entscheidend dazu beitragen, die
landschaftliche Schönheit und Vielfalt besonders auch der alpinen
Lebensräume zu bewahren. Denn das EU-Naturschutzrecht sichert eine
schonende Landschaftsentwicklung von Berggebieten, Brachen, Wiesen
und Wäldern mit geordneter und naturverträglicher Nutzung statt
Landschaftszerstörung.
Natura 2000 bietet europaweiten Schutz: Tiere und Pflanzen kennen
keine Staatsgrenzen
Obwohl es bei der Umsetzung der Vogelschutz-Richtlinie in Österreich
teils noch eklatante Mängel gibt, hat sich diese bereits jetzt sehr
positiv ausgewirkt: Die Populationen der Brutvögel, die durch den
Anhang I der Richtlinie geschützt sind, haben sich deutlich besser
entwickelt als die der nicht geschützten Vögel. Dazu zählen z. B. der
Seeadler oder auch der Kaiseradler, für deren Schutz besondere
Maßnahmen ergriffen wurden. "Gäbe es kein EU-Naturschutzrecht, wäre
der Triel, der nur mehr an zwei Brutstätten in Österreich zu finden
ist, schon ausgestorben. Auch international gefährdete Arten wie der
Wanderfalke, die Weißkopfruderente oder der Krauskopfpelikan konnten
vor dem Aussterben bewahrt werden. Die rasche Komplettierung des
europäischen Schutzgebietsnetzwerks ist essenziell, denn: Zugvögel
und andere Tiere sowie Pflanzen kennen keine Staatsgrenzen - je
dichter die Vernetzung, desto besser der Schutz unserer wertvollen
Fauna und Flora", stellt Christof Kuhn von BirdLife Österreich fest.
LIFE-Projekte sind Erfolgsgeschichten im Naturschutz
"Förderinstrumente der EU, die zur Umsetzung der
Naturschutz-Richtlinien dienen, haben bereits etliche Projekte,
besonders in Natura 2000-Gebieten, ermöglicht. Alleine durch
LIFE-Mittel sind seit 1996 159 Mio. Euro in den Naturschutz
geflossen. Rund 70 Mio. Euro (44 %) der Mittel wurden von der EU
kofinanziert, rund 89 Mio. Euro (56 %) stammen aus nationalen
Mitteln. Die Mehrheit der über LIFE geförderten Projekte wurde für
die Erhaltung natürlicher Lebensräume an Fließgewässern und Wäldern
aufgewendet. Etwa ein Fünftel der Projekte war dem Schutz von Mooren
gewidmet. Etliche Einzelprojekte zum Schutz besonderer Tierarten wie
Bartgeier, Fischotter oder Huchen sind Erfolgsgeschichten für den
Naturschutz. Die gute Kooperation von Naturschutz, Land- und
Forstwirtschaft, Wasserbau, Wildbach- und Lawinenverbauung, Fischerei
oder Tourismus trug wesentlich zum Gelingen dieser Projekte bei",
sagt Walter Hödl, Vizepräsident des Naturschutzbundes Österreich.
"Wir fordern die Bundesländer auf, sich in dieser Sache zu
positionieren und sich auch gegenüber der EU-Kommission klar und mit
Engagement für ein Weiterbestehen des Natura 2000-Regelsystems
einzusetzen. Es braucht Mittel und Ernsthaftigkeit für die Umsetzung
von Natura 2000 anstelle der Aufweichung eines funktionierenden und
sinnvollen Regelwerkes", so die NGOs abschließend.
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