- 07.07.2014, 15:16:12
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Wiener Festwochen: Rudolf Scholten antwortet Frie Leysen
Antwort von Dr. Rudolf Scholten auf den offenen Brief von Frie Leysen, erschienen in "Profil" Nr. 28, vom 7. Juli 2014
Utl.: Antwort von Dr. Rudolf Scholten auf den offenen Brief von Frie
Leysen, erschienen in "Profil" Nr. 28, vom 7. Juli 2014 =
Wien (OTS) -
Liebe Frie Leysen!
Zuallererst tut es mir nach wie vor Leid, dass es auch nach
mehreren Gesprächen nicht gelungen ist, Sie zum Bleiben zu
überzeugen.
Umso mehr als Sie selbst von der Reaktion des Publikums auf das
heurige Programm so schön überrascht und beeindruckt waren. Die
Festwochen 2014 waren - und das ist wesentlich auch Ihr Verdienst -
ein wunderbarer Beweis dafür, dass ein vielfältiges und mit
Enthusiasmus vorbereitetes Programm als schlüssiges Gesamtangebot an
diese Stadt wahrgenommen wurde und nicht in häufiger Neigung zwischen
Höhepunkten und Nebenschauplätzen unterscheidet, was immer zu einer
Missachtung großartiger künstlerischer Leistungen führt.
So waren das Publikum, die Kritik und natürlich auch wir über die
heurigen Festwochen sehr glücklich.
Dass aber ein Festival jedes Jahr buchstäblich neu startet und
sich nur sehr gering auf vergangene Erfolge berufen kann, ist
insbesondere Markus Hinterhäuser sehr bewusst. Es war ja seine
Initiative sich - im Übrigen mit großem Einsatz - um Ihre Mitarbeit
zu bemühen. Ich kann mich gut erinnern, wie glücklich er über Ihre
seinerzeitige Zusage war. Auch war ihm in der ganzen Vorbereitung für
2014 immer die Diskussion über das Grundsätzliche - auch im
Zusammenhang mit einzelnen Projekten - ein zentraler
Konzentrationspunkt, der immer viel mehr vom Bild eines
künstlerischen Entwurfs als von der bloßen Realisierung einer
Veranstaltung geprägt war.
Nun aber zu einzelnen Punkten Ihrer Wahrnehmungen:
Wenn Sie in Ihrem "offenen Brief" die interne Organisation der
Festwochen ansprechen, dann gilt, was ich Ihnen schon persönlich
gesagt habe: sehr gern - und ich meine das nach wie vor so - möchte
ich Ihre Erfahrungen mit Ihnen im Detail besprechen. Sie werden sich
erinnern, dass wir bereits bei unserem ersten Treffen begannen, die
Strukturen zu hinterfragen und über Visionen zu diskutieren. Man muss
nur bedenken, dass manchen Ihrer Beobachtungen auch meine Erfahrungen
aus früheren Jahren und Erkenntnisse aus anderen Kunstorganisationen
gegenüberstehen. Beispielsweise ist die mit der künstlerischen
Leitung gleichberechtigte kaufmännische Leitung durch Wolfgang Wais
eine maximale Sicherheit dafür, dass bei den Festwochen mit dem
keineswegs so opulenten Budget sehr präzise und vorsichtig
umgegangen wurde und wird. Nur so ist es gelungen über all die Jahre
die finanziellen Wagnisse eines sich gleichsam jedes Jahr neu
erfindenden Festivals durch eine sehr vorausschauende Planung zu
bewerkstelligen.
Auch möchte ich Ihnen sagen, dass die Mitarbeiter und
Mitarbeiterinnen der Wiener Festwochen sehr gern mit Ihnen und für
Ihre Projekte gearbeitet haben und entgegen Ihrer Behauptung mit sehr
großem Einsatz. Jedes Zusammentreffen - wie auch das heurige
Abschlussfest - beweist, dass das Team der Festwochen nicht nur sehr
gut und professionell ist, sondern auch deren Enthusiasmus für die
Realisierung der Projekte und natürlich auch die Freude über den
erreichten Erfolg offensichtlich waren.
Auch ist die "Halle E und G" GesmbH nicht auf Gewinn ausgerichtet,
sondern mit dem Auftrag ausgeglichen zu gestionieren, was sich auch
dadurch ausdrückt, dass über das Jahr für kulturelle Veranstaltungen
gegenüber den "kommerziellen" nur die Selbstkosten verrechnet werden.
Kommunikation und sonstige interne organisatorische Schwerpunkte
sind selbstverständlich immer zu bezweifeln und zu besprechen, aber
wie schon früher gesagt, Ihre Erfahrungen dazu würden wir sehr gern
nutzen.
Den Vorwurf der Visionslosigkeit halte ich insofern für ungerecht,
als auch ich selbst zu kaum einem Thema der Wiener Festwochen so viel
Zeit und Energie aufgewandt habe wie zur Frage, was die
grundsätzliche Rolle eines sich nicht an Fremdenverkehrszahlen
orientierenden Festivals in einer sich rasch verändernden Stadt wie
Wien ist. Eigentlich drehen sich alle Gespräche, die ich gerade in
den letzten Wochen gemeinsam mit dem Herrn Stadtrat Mailath-Pokorny
mit europäischen Festival- und Theaterleitern und -leiterinnen zur
Vorbereitung der Ausschreibung der Intendanz führte, um dieses
Thema. Dabei spielt nicht nur die Frage der künstlerischen
Innovationskraft der Festwochen eine große Rolle, sondern auch wie
ein Festival auf die sich verschiebenden Zentren der Stadt
wahrnehmbar und relevant reagieren kann. Es kann uns - unabhängig von
Auslastungserfolgen - nicht gleichgültig sein, wenn wir einen großen
Teil der in dieser Stadt lebenden Menschen nicht oder nur sehr
sporadisch erreichen können.
Ich habe Ihnen gemeinsam mit Markus Hinterhäuser schon bei unserem
ersten längeren Gespräch, als Sie mich vor Beginn Ihrer Mitarbeit im
Waldviertel besuchen waren, gesagt, dass gerade die Wiener Festwochen
angesichts ihrer hohen Akzeptanz in Wien und speziell bei ihrem
Publikum und vor dem Hintergrund der großen künstlerischen Erfolge
auch in der Vergangenheit, sich die Freiheit nehmen müssen, ihre
Rolle und Aufgabe zu bezweifeln und sie gleichsam neu
zusammenzusetzen. Die Kunst strebt oft den Platz an, die Fragen der
Zeit vorausahnend zu stellen und die Zukunft schon vor ihrem
Eintreffen wahrzunehmen. Das alles muss für ein Festival in einer so
auf ihren Kulturreichtum pochenden Stadt wie Wien erst recht
Sehnsucht und Ziel sein.
Wir können zu diesen Themen weiterhin Briefe austauschen oder auch
miteinander sprechen, beides würde mich freuen.
Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Arbeit für die Saison 2014,
gratuliere zu den großen Erfolgen und wünsche Ihnen von Herzen alles
Gute
Rudolf Scholten
Vorsitzender des Aufsichtsrats der Wiener Festwochen GesmbH
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