• 02.04.2014, 14:01:04
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ÖAMTC/ÄKVÖ-Symposium: Unaufmerksam und abgelenkt im Straßenverkehr

Referenten zeigen die "vielen Gesichter" der Ablenkung - Gefahrenbewusstsein muss geschärft werden

Utl.: Referenten zeigen die "vielen Gesichter" der Ablenkung -
Gefahrenbewusstsein muss geschärft werden =

Wien (OTS) - Die Ereignisse und ausgelösten Diskussionen der
vergangenen Tage haben abermals aufgezeigt, wie wichtig eine
generelle und intensive Auseinandersetzung mit der Thematik Ablenkung
im Straßenverkehr ist. Gemeinsam mit der ÄKVÖ (Ärztliche
Kraftfahrvereinigung Österreichs) hat der ÖAMTC heute, 2. April, im
Rahmen eines Symposiums unterschiedliche Aspekte zu diesem Thema
beleuchtet. Ziel war es, das Gefahrenbewusstsein zu schärfen und zu
eigenverantwortlichem Handeln zu motivieren. Die acht Referenten
betrachteten Ablenkung aus technischer, rechtlicher sowie
biologischer Perspektive.

Das Ziel des möglichst unfallfreien und automatisierten Fahrens
möchte Hanno Miorini, Verkaufsleiter Kraftfahrzeugtechnik der Robert
Bosch AG, über die Weiterentwicklung von Sicherheits- und
Fahrerassistenzsystemen erreichen. "Elektronische Chauffeure" für das
freie Fahren auf der Autobahn beispielsweise kündigte er bis Ende des
Jahrzehnts an. Vor Herausforderungen stellt die Technik besonders der
innerstädtische Verkehr mit seiner Komplexität. Miorini merkte an,
dass der Fahrer im Zuge des Fortschritts nicht mit Informationen
überflutet werden darf und betont die Notwendigkeit einer einfachen
Bedienung.

Aus ebenfalls technischer Perspektive betrachtete Marie-Sophie
Marcinek, EBE Solutions GmbH (Bereiche Verkehrstelematik und
Mobilität) die Ablenkungsproblematik. Sie erkennt einen Lösungsansatz
zur Erhöhung der Verkehrssicherheit darin, bestehende
Sicherheitsmaßnahmen durch technische Hilfsmittel zu ergänzen.
Verkehrsteilnehmer sollen besonders in Stresssituationen unterstützt
werden. So wird beispielsweise durch den Einsatz spezieller
Bodenmarkierungsleuchten die Aufmerksamkeit erhöht und das
Unfallrisiko minimiert. Diese sogenannten "Lane Lights" wurden in
Kombination mit Lichtzeichenanlagen an bereits 60 Eisenbahnkreuzungen
in Österreich installiert.

Martin Germ, Leiter Verkehrsüberwachung beim Bundesministerium für
Inneres, relativierte in seinem Referat die Annahme, dass Ablenkung
häufig in Form von Telefonieren am Steuer auftritt. Mit Bezug auf
Daten der Statistik Austria führte er an, dass bei der Gesamtzahl der
Verkehrsunfälle mit Personenschaden im Jahr 2012 die Ursachengruppe
"Unachtsamkeit/Ablenkung" mit knapp 35 Prozent zwar den größten
Anteil ausmacht. Doch bei lediglich 20 Verkehrsunfällen mit
Personenschaden von insgesamt 40.831 wurde das Merkmal "Telefonieren
am Steuer" von der Bundespolizei festgestellt - das entspricht einem
Anteil von 0,05 Prozent. Er ging zudem auf die Problematik der
Aufmerksamkeitsüberwachung durch die Polizei und deren rechtliche
Grundlagen ein.

Im zweiten Teil des Symposiums verschaffte Michael Kunze, Facharzt
für Sozialmedizin an der Universität Wien, einen Überblick über die
neueste wissenschaftliche Literatur und leitete Schlussfolgerungen
aus Sicht der Sozialmedizin ab. Beim Thema Ablenkung geht es seiner
Aussage nach um Defizite bei der Wahrnehmung, die häufig
Regulierungen nach sich ziehen. Als Beispiel führte er ebenfalls das
Telefonieren am Steuer an und ein mögliches Verbot dessen. Als
gesundheitspolitisches Ziel formulierte er die weitere Verringerung
von tödlichen Verkehrsunfällen.

Im Anschluss referierte Michael Gatscha, Verkehrspsychologe und
Geschäftsführer von Neurotraffic, über das Spannungsfeld Sehen -
Blickzuwendung - Ablenkung. Grundlegend meinte er, dass die
menschliche Aufnahmekapazität begrenzt ist und durch ständige
Überstimulation zu stark belastet wird - beispielsweise wenn zu viele
verkehrsrelevante Informationen gleichzeitig angeboten werden.
Fahrzeuglenker tendieren außerdem dazu, zusätzlich zum Fahren
Nebentätigkeiten auszuführen.

Ganz oben auf der Liste der ablenkenden Umstände stehen für Peter
Heilig, Facharzt für Augenheilkunde und Optometrie der Universität
Wien, bewegte Lichtreize. Er warnte vor "black holes" im
Wahrnehmungsprozess. In diese schwarzen Löcher begibt man sich in
Folge von gefährlich-intensiven Blendungen im Straßenverkehr. Je nach
Geschwindigkeit werden dann unerwartet große Strecken im Blindflug
zurückgelegt. Licht spielt Heilig zufolge eine dominierende Rolle in
der Aufrechterhaltung der Sicherheit im Straßenverkehr. Er sieht eine
Lösung für die Ablenkungsproblematik in einer blendungsfreien
Ausleuchtung der Verkehrsflächen, die alle verkehrsrelevanten Objekte
erkennbar macht. Blendfreies Abblendlicht sollte aus seiner Sicht
ausschließlich bei schlechter Sicht verwendet werden.

ÖAMTC-Chefjurist Martin Hoffer skizziert aus Sicht der
Verkehrsteilnehmer die rechtlichen Folgen einer Beeinträchtigung der
Aufmerksamkeit. Der Bogen spannt sich vom Verbot der Werbung neben
Autobahnen bis hin zu möglichen Leistungsverweigerungen der
Kasko-Versicherungen wegen grober Fahrlässigkeit aufgrund ablenkender
Tätigkeiten beim Autofahren. Der Jurist zeigt, wo möglicher
Nachjustierungsbedarf bei den Gesetzesbestimmungen besteht. Zum
Beispiel könnten Fotos aus der Radar- und Abstandsüberwachung für die
Bestrafung von Handy-Sündern herangezogen werden. Und auch die
Freisprecheinrichtungsverordnung ließe sich "modernisieren", weil man
mittlerweile mit "klassischen" Handys nicht nur telefonieren kann -
auch andere Kommunikationsformen wie z. B. Skypen sind üblich. Die
Bestimmungen sollten auch hinsichtlich des Handy-Verbots beim
Radfahren angepasst werden.

Am Ende des Symposiums widmete sich Wolfgang Staffen, Facharzt für
Neurologie aus Salzburg, mit seinem Referat der Thematik des
Multitasking. Er stellte die Frage, ob das Gehirn wirklich
multitaskingfähig ist und ob die Fähigkeiten dahingehend eventuell
überschätzt werden. Die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten zur gleichen
Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen,
erfordert die Teilung der Aufmerksamkeit. Gefahrenpotenzial erkennt
er in der täglichen Routine, die viele dazu verleitet, sich durch
zusätzliche Tätigkeiten von konzentriertem Autofahren ablenken zu
lassen. Er ging außerdem darauf ein, welche Auswirkungen Ablenkung
auf das Gehirn haben kann - als Steuerorgan von Funktionen wie
Aufmerksamkeit und Reaktion.

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