Olaf Nicolai gestaltet das "Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz" am Wiener Ballhausplatz

Wien (OTS) - Das 10-köpfige Beurteilungsgremium hat sich gestern für das Projekt "X" des deutschen Künstlers Olaf Nicolai entschieden. Stärke, Kraft und der intellektuelle Überbau haben die Jury überzeugt. Insgesamt wurden acht Entwürfe präsentiert. KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien hat den international geladenen Wettbewerb ausgelobt und ist in der Folge mit der Realisierung beauftragt, mit der noch heuer begonnen wird.

Olaf Nicolai hat für den Ballhausplatz eine blaue Betonskulptur in Form eines liegenden X entworfen. Auf der obersten der drei Stufen steht in verzinkten Stahlbuchstaben die Inschrift "all alone" - ein Zitat von Ian Hamilton Finlay, das von oben zu lesen ist.

Statement der Jury:

Stärke, Kraft und intellektueller Überbau des Projektes von Olaf Nicolai haben die Jury vollends überzeugt.

Der Bezug zu den Verfolgten der NS-Militärjustiz und damit zum Umgang mit der Vergangenheit als auch zur Durchsetzung der Rehabilitierung der Wehrmachtsdeserteure und Verfolgten der NS-Militärjustiz, soll Anstoß für ein gegenwärtiges zivilgesellschaftliches Engagement geben. Genau dafür steht Olaf Nicolais prägnanter Entwurf.

Olaf Nicolais Skulptur setzt an einem zentralen Ort der Republik ein überzeugendes kritisches künstlerisches Zeichen der Zivilcourage, das zugleich universal lesbar ist.

Ein Symbol dafür, dass die Vergangenheit Herausforderung für die Gegenwart ist.

Die Form und Gestalt des Sockels ergibt sich aus einem Text des schottischen Künstlers Ian Hamilton Finlay, der sich stilistisch an die experimentelle konkrete Poesie der Wiener Gruppe anlehnt. Die von Nicolai verwendeten Worte aus diesem Text: " all alone" reflektieren die existenzielle Situation des Einzelnen gegenüber gesellschaftlichen Ordnungs- und Machtverhältnissen.

Juliane Alton, Personenkomitee
Berthold Ecker, MA 7 Kultur
Bernhard Engleder, MA 28 Straßenverwaltung und Straßenbau
Franz Kobermaier, MA19 Architektur und Stadtgestaltung
Martin Kohlbauer, Architekt (Juryvorsitzender)
Thomas Geldmacher, Personenkomitee
Lilli Hollein, KÖR-Jury
Anna Jermolaewa, Künstlerin
Dirk Luckow, KÖR-Jury
Heidemarie Uhl, Historikerin

"Der aktive und bewusste Umgang mit der Vergangenheit ist mir seit jeher wichtiges Anliegen. Diese Auseinandersetzung berührt verschiedenste Facetten der Wiener Geschichte, so auch jene der Deserteure. Die Stadt unterstrich die Wichtigkeit dieses historischen Themas auch, indem sie 2009 die Deserteursausstellung "Was damals Recht war" nach Wien holte und die Wehrmachtsaustellung im Wiener Nestroyhof zeigte. Nun ist mit dem Siegerprojekt ein weiterer, unverzichtbarer Schritt getan, ein Schritt von Dauer und ein sichtbares Zeichen für nachfolgende Generationen." so Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny.

Als gute Entscheidung bezeichnet der Klubobmann der Grünen Wien, David Ellensohn, die Entscheidung der Jury zum Entwurf des Berliner Künstlers Olaf Nicolai für ein Deserteursdenkmal am Wiener Ballhausplatz gestern spät abends. "Wie das Personenkomitee "Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz" betonte, verlief die Jurysitzung insgesamt sehr sachorientiert, die Diskussion offen und fair. Das Denkmal von Olaf Nicolai aus blauem Beton mit der Aufschrift "all alone" wird den Wehrmachts-Deserteuren den ihnen angemessenen Respekt und Stellenwert auch im öffentlichen Raum geben. Jetzt kann rasch und zügig die Realisierung erfolgen. Ich freue mich, dass jetzt endlich das Denkmal bald real zu sehen und zu erfahren ist".

"X"

Die Ausführung des Sockels wird die Form des "X" aufgreifen - aber nicht als stehendes, aufgerichtetes Zeichen, sondern als ein liegendes, mehrstufiges. Durch die Stufung wird die Distanz zwischen Betrachter und Objekt, die ein Sockel sonst herstellen soll, aufgehoben. Dieser Sockel trägt nichts. Er ist betretbar. Die Inschrift liegt auf ihm, ist von oben lesbar.

Die Form und Gestaltung des Sockels ergibt sich aus dem Text der Inschrift von Ian Hamilton Finlay "all alone". Dabei wird deutlich, dass es sich zwar um eine exzeptionelle Position handelt, in der sich ein Deserteur als Einzelner befindet, dass dies aber unzureichend mit einer simplen, sich ausschließenden Gegenüberstellung bezeichnet wäre. Der Einzelne ist nicht isoliert, er konstituiert sich in einer dialektischen Spannung von Singularität und Gemeinschaft.

Auch in der Form des "X" ist die erwähnte dialektische Spannung präsent. Einerseits Zeichen der Anonymisierung, der der Einzelne unterworfen ist und die ihn zum Zeichen in einer Liste, zum X in einer Akte werden lässt.

Andererseits auch ein Statement selbstbewusster Setzung- man denke an die Namenswahl Malcolm X. Auf diese selbst-bewusste, dialektische Setzung weist die Kombination von Sockel und Inschrift hin.
(Auszug aus der Projektbeschreibung von Olaf Nicolai)

Olaf Nicolai

geboren 1962 in Halle/Saale ist ein deutscher Künstler, der von einem konzeptuellen Ansatz aus mit unterschiedlichsten Medien arbeitet. Der Künstler nutzt Objekte und deren materielle Formen, um Reflexionsprozesse anzuregen. Er lebt und arbeitet in Berlin.
Olaf Nicolai absolviert von 1983 bis 1988 ein Germanistikstudium mit anschließender Promotion an der Universität Leipzig. In seiner Doktorarbeit untersucht der Künstler die Spannung zwischen Ausdrucksformen und ihrer strategischen Umsetzung anhand von Poesie und geht damit Fragestellungen nach, die später auch sein künstlerisches Werk charakterisieren.

Seit Anfang der 90er Jahre ist er mit Gruppen- oder Einzelausstellungen an fast allen wichtigen Orten des zeitgenössischen Kunstgeschehens präsent, wie auf der Documenta X (1997) oder bei den Biennalen von Venedig 2001 und 2005.
Er erhielt mehrere Stipendien, darunter das der Villa Massimo in Rom (1998) und mehrere Preise, wie 2002 den Kunstpreis der Stadt Wolfsburg.

Nächste Schritte

Alle eingereichten Entwürfe werden von 18. bis 24. Juli im Depot, Breitegasse 3, 1070 Wien, zu sehen sein. Öffnungszeiten: MO-FR 10 bis 17 Uhr.

Mit der Realisierung wird noch im Sommer begonnen.

Die Geschichte

Die Wiener Stadtregierung hat in ihrem Koalitionsübereinkommen vom 12. November 2010 die Errichtung eines Denkmals für die Verfolgten der NS-Militärjustiz in Aussicht genommen.
In Folge wurde als Standort die Volksgarteneinbuchtung am Ballhausplatz ausgewählt.

Das Budget für den Wettbewerb und die Realisierung des Denkmals wurde 2012 mehrheitlich im Wiener Kulturausschuss mit insgesamt 220.000 Euro beschlossen. Für die wissenschaftliche Grundlagenarbeit des Themas wurden bereits im Vorfeld 25.000 Euro bereitgestellt.

KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien

Die Aufgabe von KÖR Kunst im öffentlichen Raum Wien ist die Belebung des öffentlichen Raums der Stadt mit permanenten bzw. temporären künstlerischen Projekten.

Die Idee ist, die Identität der Stadt und einzelner Stadtteile im Bereich des Zeitgenössischen zu stärken sowie die Funktion des öffentlichen Raums als Agora - als Ort der gesellschaftspolitischen und kulturellen Debatte - zu beleben.

KÖR wickelt künstlerische Projekte ab, erteilt Aufträge an KünsterInnen, lobt künstlerische Wettbewerbe für Projekte im öffentlichen Raum aus, vergibt Förderungen an KünstlerInnen bzw. Projektträger und setzt damit verbundene Tätigkeiten (Symposien, Publikationen, Vermittlungsprogramme, u.a.) um.

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