- 13.06.2013, 09:44:53
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Zerstörerische Gesundheitsreform: Österreichs Hausärzte drücken die Notruf-Taste
Podiumsdiskussion: Oppositionsparteien unterstützen den "Erste Hilfe-Plan" des Hausärzteverbandes
Utl.: Podiumsdiskussion: Oppositionsparteien unterstützen den "Erste
Hilfe-Plan" des Hausärzteverbandes =
Wien (OTS) - Dem reinen Lippenbekenntnis der Regierungsparteien zur
hausärztlichen Aufwertung stellt der Österreichische Hausärzteverband
(ÖHV) nun ein echtes Programm zur Rettung des Hausarztberufes in
Österreich entgegen. Unter dem Motto "Erste Hilfe für den Hausarzt"
proklamiert der ÖHV zehn dringliche Anforderungen. "Wir rufen nach
zehn Mal A wie Aufwertung", betonte Hausärzte-Sprecher Dr. Wolfgang
Geppert im Rahmen einer Podiumsdiskussion in Wien: "Das
Maßnahmenpaket reicht vom Abbau der Kassenbürokratie und
eingeschränktem Ambulanzzugang über die Ausbildung in Lehrpraxen und
vermehrte Anreize zur Praxisgründung bis zur Anstellung von Ärzten
bei Ärzten und der Apotheke für jeden Landarzt.
Auf dem Abstellgleis
"Wir sind auf dem Abstellgleis der Gesundheitspolitik gelandet",
fürchtet Geppert. Mit nur 9,3 Prozent Kassenvertragsärzten für
Allgemeinmedizin verzeichne man in Österreich einen traurigen
Weltrekord. Spitäler hingegen würden aus machtpolitischen Gründen
forciert. "Manchem Landesfürsten wäre es am liebsten, man baut ein
Dach über das ganze Bundesland und verwandelt es in ein
Landesklinikum, wo wir uns dann alle wohlfühlen können", so Geppert
ironisch. Den Hausärzten - insbesondere dem Landarzt - würde auf
diesem Weg hingegen der Boden unter den Füßen entzogen und durch die
eingeschränkte Möglichkeit, Hausapotheken zu führen, oftmals
endgültig der K.O.-Schlag versetzt.
Kein Wunder, dass den schönen Worten der Gesundheitsreformer ein
dramatisches Hausarztsterben in der Realität gegenübersteht, meint
der Hausärzteverband. Denn auch die überwuchernde Kassenbürokratie -
Stichwort Chefarztpflicht - und das Finanzloch bei den Lehrpraxen
seien wesentliche Gründe für die mangelnde Niederlassungsbereitschaft
junger Allgemeinmediziner, merkt Geppert an.
Oppositionsparteien fordern Neustart
Die zur Podiumsdiskussion geladene gesammelte Riege der
Oppositionsparteien stimmt dem Erste Hilfe-Plan des ÖHV durch die
Bank zu. So bringt es Ing. Robert Lugar, Klubobmann des Teams
Stronach, auf den Punkt: "So merkwürdig es klingt, aber die Politik
muss raus aus der Gesundheitspolitik!" Gedacht würde in Klientels,
Lobbys und Interessengruppen statt zum Wohle der Steuerzahler und
Patienten. Selbst der Rechnungshof bestätige beispielsweise längst,
dass im Spitalsbereich viel zu hohe Kosten bei zu wenig Output
entstehen. So lange man die Einmischung der Politik nicht wegbringe,
würde sich aber an der Spitalslastigkeit unseres Gesundheitswesens
nichts Substantielles ändern.
Professor Dr. Kurt Grünewald, Gesundheitssprecher der Grünen, geht
noch einen Schritt weiter: "Die gesamte Honorarordnung bei Ärzten
müsste von Null weg neu diskutiert werden, eine leistungsgerechte
Harmonisierung der Kassen ist zwingend notwendig." Die Plafondierung
ärztlicher Leistungen sei geradezu abstrus, die Chefarztpflicht ein
rein bürokratischer Unsinn. Mitunter werde ja nicht einmal gelesen,
was da unterschrieben wird.
Unterstützung von allen Seiten
Dem hausärztlichen Notruf schließt sich auch Dr. Andreas
Karlsböck, Ärztesprecher der FPÖ, an: "Das Unding der Pauschalierung
muss endlich weg. Das ist ein wesentlicher Grund, warum praktische
Ärzte oft nicht leisten können, was sie leisten wollen. Außerdem
müssen Ärzte endlich Ärzte anstellen dürfen". Es wäre überhaupt nicht
nachvollziehbar, warum das gerade in Österreich nicht möglich sein
soll.
Ähnlich Besorgnis erregend sieht BZÖ-Gesundheitssprecher Dr.
Wolfgang Spadiut die Lage und fordert ausdrücklich: "Der Landarzt
muss die Hausapotheke zurückbekommen. Und er hat ein Recht, damit
auch Geld zu verdienen. Die aktuelle Sechs-Kilometer-Bestimmung
gehört ein für allemal aufgehoben. Aus, Schluss!"
"So wie es evidenzbasierte Medizin gibt, muss es endlich auch
evidenzbasierte Politik geben", fordert schließlich Dr. Silvia
Belalcazar, Gesundheitsexpertin der NEOS und selbst Ärztin in Wien.
Eine Flexibilisierung der Praxisangebote ist ihr ebenso wichtig wie
der Abbau bürokratischer Überfrachtung. Überfällig sei auch die
Berufsbezeichnung "Facharzt für Allgemeinmedizin", die endlich die
gesellschaftliche Wertschätzung für das hausärztliche Wirken
unterstreichen würde.
So geht es nicht weiter
Im Rahmen der Podiumsdiskussion bestätigten auch zahlreiche
Stimmen aus dem Auditorium, dass es in Sachen Hausarzt so nicht
weitergehen könne. Der Österreichische Hausärzteverband werde
jedenfalls nicht locker lassen und auf eine raschestmögliche
Umsetzung seines "Zehn A - Planes" zur Rettung der Hausärzte drängen,
betonte Dr. Geppert abschließend.
Zehn Anforderungen zur Rettung der Hausärzte
Anerkennung als Primärversorger
Um Hausarztpraxen für gut ausgebildete Jungärzte wieder attraktiv
werden zu lassen, muss der Allgemeinmediziner zum ersten und
zentralen Ansprechpartner unseres Gesundheitssystems aufgewertet
werden.
Ambulanzzugang einschränken
Auch wenn die Erfahrungen aus dem Jahre 2003 schmerzlich sind, es
führt kein Weg daran vorbei. Aufgeblähte Ambulanzen sind ein Grund
dafür, dass Österreich mit jährlich 261 Spitalsaufenthalten pro 1000
Einwohner an der Weltspitze rangiert.
Anreize zur Praxisgründung
Schon einmal konnte ein großer Mangel an Landärzten erfolgreich
behoben werden. Bereitstellung von Praxisräumlichkeiten und Schaffung
von Wohnstätten können mithelfen, landärztliche Versorgungsstrukturen
zu retten.
Abbau der Kassenbürokratie
Die Forderung einiger Parlamentsparteien nach Zusammenlegung der
Krankenkassen hat bei der Vertragsärzteschaft längst ihren Schrecken
verloren. Unter anderem wäre eine Reduzierung der Bürokratie die
logische Folge.
Abschaffung der Chefarztpflicht
Laut Umfrage lehnt die Mehrheit der Österreicher die
Chefarztpflicht kategorisch ab. Zwei Drittel der Ärzte wollen dieses
Bürokratiemonster abgeschafft wissen. Über 70 Prozent der Patienten
unterstützen sie dabei.
Alle Formen der Zusammenarbeit
Über Jahrzehnte hindurch waren Kassenärzte zu Einzelkämpfern
verdammt. Gruppenpraxen in bisheriger Form und die Ärzte-GmbH wurden
nur wenig angenommen. Jetzt muss endlich Teamarbeit in
Hausarzt-Praxen Platz greifen.
Anstellung von Ärzten bei Ärzten
Gegen alle Widerstände muss diese Möglichkeit geschaffen werden.
Nur durch rasche personelle Aufstockung in den Ordinationen von
Kassen-Allgemeinmedizinern kann Verkürzung von Wartezeiten erreicht
werden.
Apotheke für jeden Landarzt
Der Gesetzgeber muss den Mut aufbringen, die völlig antiquierten
Schutzzonen um öffentliche Apotheken zu beseitigen. Nur so kann das
permanente Auslöschen von Hausapothekenstandorten eingedämmt werden.
Ausbildung in Lehrpraxen
Soll ausschließlich in Ordinationen Niedergelassener erfolgen. 12
Monate verpflichtend. Finanzierung durch die öffentliche Hand.
Finnland oder die Schweiz als Vorbild für die Entlohnung von
Lehrpraxis-Assistenten.
Adäquater Leistungskatalog
Zeitgemäße Honorarkataloge sollen Anreize zur Leistungsvielfalt
schaffen und mithelfen, das Überweisungsverhalten der Hausärzte
spürbar zu ändern. Damit können Facharztpraxen und Spitalsambulanzen
entlastet werden.
Weitere Informationen unter www.hausaerzteverband.at
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