- 09.06.2013, 18:14:09
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Fracking für Erneuerbare" von Günther Strobl
Schiefergas ist nicht schlecht, lenkt aber von den wirklich wichtigen Aufgaben ab - Ausgabe vom 10.6.2013
Utl.: Schiefergas ist nicht schlecht, lenkt aber von den wirklich
wichtigen Aufgaben ab - Ausgabe vom 10.6.2013 =
Wien (OTS) - Öl, Gas und Kohle wird es immer geben. Darauf sollten
sich vorsorglich all jene einstellen, für die Kohlenwasserstoffe das
Böse schlechthin darstellen. Ein Jahrhundert lang haben Kohle, später
verstärkt Öl und zuletzt zunehmend auch Gas der Menschheit
hervorragende Dienste geleistet.
Die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert - ohne Kohle
undenkbar. Mobilität, neue Lebensformen, Arbeitsteilung,
Globalisierung - ohne Erdöl ein Ding der Unmöglichkeit. Ohne Erdgas
gäb's keinen Dünger und null Chancen, eine dramatisch gewachsene und
noch immer zunehmende Weltbevölkerung ausreichend mit Lebensmitteln
zu versorgen.
Das wird nur allzu rasch vergessen, wenn auf die vermeintlich "bösen"
Kohlenwasserstoffe eingedroschen wird. Dabei übersieht man leicht,
dass es ohne diese Molekülketten auch keine Medikamente gäbe - außer
Naturkräuter selbstverständlich, die es aber auch nicht in
ausreichendem Maße und für alle Krankheiten gibt. Und natürlich
müsste man sich auch Kunststoffe, jede Art von Plastik, aber auch
neumodischere Dinge wie Sonnenkollektoren abschminken. Fast in allem,
was uns im täglichen Leben umgibt und was unser Fortkommen
erleichtert, stecken letzten Endes Moleküle aus Kohlenwasserstoff.
So ist es zweifellos eine gute Nachricht, dass der Höhepunkt der Öl-
und Gasförderung und was sonst noch alles dem Maximum zustreben mag,
verschoben ist. Verschoben ist der Peak Everything deshalb, weil
durch neue Technologien plötzlich Öl und Gas auch aus kompaktestem
Tongestein, wie es Schiefer darstellt, herausgesprengt werden kann.
Fracking nennt sich die Methode, bei der unter hohem Druck mit viel
Wasser, Sand und Chemie Risse in unterirdische
Schiefergesteinsformationen gesprengt werden. Das aus den Ritzen
strömende Gas oder heraussickernde Öl wird wie konventionelles
verarbeitet und verkauft. In den USA waren es in den letzten fünf,
sechs Jahren so große Mengen, dass die ganze Nation trunken geworden
ist davon.
Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten schickt sich an, nach dem
Überrunden Russlands als weltgrößter Gasproduzent den Titel auch in
Sachen Rohöl zu erringen.
Dass Öl, Gas und Kohle noch lange Zeit verwendet werden können,
sollte nicht dazu verleiten, auf Neues und - Stichwort Klimaschutz -
Besseres zu verzichten. Dazu gehört in erster Linie ein effizienterer
Einsatz von Energie. Sie ist zu kostbar, um verschleudert zu werden.
Dazu gehören aber auch erneuerbare Energien, die, anders als fossile,
kein klimaschädliches Kohlendioxid ausstoßen.
Gefragt sind mehr denn je innovative Ideen. Mit viel Gehirnschmalz
sollte es doch wohl möglich sein, mit dem fluktuierenden Aufkommen
von Wind- und Sonnenenergie umzugehen. Statt Fracking für fossile
Energien sollte Europa Fracking für Erneuerbare propagieren - eine
Denkfabrik mit Forschern aus verschiedensten Disziplinen, aber einem
gemeinsamen Ziel: nachhaltigen Ersatz für Öl, Gas und Kohle als
Lieferanten von Energie zu finden. Kohlenwasserstoffe sind zum
Verbrennen schlicht zu schade.
Auch das Steinzeitalter ist nicht aus einem Mangel an Steinen zu Ende
gegangen, sondern weil Bronze entdeckt wurde, die bessere
Eigenschaften hatte. In der Regel setzt sich das Bessere gegen das
Gute durch. Manchmal muss man etwas nachhelfen.
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