• 16.05.2013, 17:52:31
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Traum und Alptraum zugleich"

Ausgabe vom 17. Mai 2013

Utl.: Ausgabe vom 17. Mai 2013 =

Wien (OTS) - Wir Menschen sind Mängelwesen. Leider nicht nur in
moralischer Hinsicht, sondern auch mit Blick auf unsere körperliche
Hinfälligkeit. Letztere so weit wie irgend möglich hinauszuzögern,
ist das große Versprechen der menschlichen Genforschung. Deren
Möglichkeiten, die mit jedem einzelnen Forschungserfolg größer
werden, rütteln an unserem Bild vom Menschen und seiner Würde. Und
das Klonen von Menschen bleibt Traum und Alptraum zugleich.

Dabei sollte man sich über die Wirksamkeit einer rigiden Gesetzgebung
keinen Illusionen hingeben: In Österreich und Deutschland bestimmt
die gemeinsame nationalsozialistische Vergangenheit, in der auch die
Wissenschaft die Menschenwürde mit Füßen getreten hat, die Grenzen
des Akzeptierten: Das Klonen menschlicher Zellen ist hier verboten.

Andere Länder stellen die Möglichkeiten dieser Technologie in den
Vordergrund. Rückenmarksverletzungen, multiple Sklerose oder
Parkinson könnten mit ihrer Hilfe dereinst geheilt werden. Ein
ungeheurer Traum für Millionen.

Eine solche Zukunft in Möglichkeitsform lässt sich nicht per Gesetz
verbieten. Und wohl auch nicht per moralischem Tabu. Nicht alle
Kulturen betrachten es als Sündenfall, dass Adam von Eva verführt
wurde, vom Apfel der Erkenntnis zu kosten. Unstillbare Neugier hat
uns Menschen zweifellos immerzu neue Horizonte eröffnet. Hinter
manchen hat sich ein Abgrund aufgetan, andere wiederum erwiesen sich
als Sackgasse, der große Rest jedoch schuf die Pyramide an ungeheurem
Wissen, von dem wir heute zehren.

Auf Verboten zu beharren, ist demnach - und nach Kenntnis der
menschlichen Natur - nicht wirklich eine realistische und sinnvolle
Reaktion auf die großen Versprechungen der Genforschung. Ziel muss es
sein, den Traum von der Heilung bislang unheilbarer Krankheiten zu
leben und den Alptraum des Menschenklonens in die Schranken zu
weisen.

Für die Politik bedeutet das, den rechtlichen Rahmen für diese
moralisch prekäre Forschung flexibel zu halten. Es ist das Privileg
moralischer Institutionen wie der Kirchen, sich auf die Gefahren zu
konzentrieren und ethische Prinzipien zur Leitlinie ihres Handelns zu
erklären. Politik darf dagegen nicht die Augen vor den Möglichkeiten
verschließen. Mit gesunder Skepsis und im Wissen, dass unsere Neugier
uns auch in den Abgrund führen kann.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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