- 09.05.2013, 18:12:15
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Wiener Zeitung: Leitartikel Walter Hämmerle: "Es geht auch anders"
Ausgabe vom 10. Mai 2013
Utl.: Ausgabe vom 10. Mai 2013 =
Wien (OTS) - Mutige Politiker, vor allem solche, die ihre Wiederwahl
aufs Spiel setzen, weil sie das umsetzen, von dem sie überzeigt sind,
dass es richtig ist, sind eine seltene Spezies. Keineswegs nur heute.
So gesehen ist die Verleihung des Aachener Karlspreis an Dalia
Grybauskaite eine ausgezeichnete Wahl. Die litauische Präsidentin und
ehemalige EU-Kommissarin ist für ihre Verdienste um die europäische
Einigung geehrt worden. Es ist durchaus auch eine mutige Entscheidung
der Jury, welche die Auszeichnung in diesem Jahr Grybauskaite
zusprach.
Dazu muss man ein bisschen ausholen. Litauen ist ein kleines Land mit
3,2 Millionen Einwohnern am äußersten nordöstlichen Zipfel der
Europäischen Union. Im Zuge der Berichterstattung über die Folgen der
Wirtschaftskrise spielte das Land, überhaupt das gesamte Baltikum, so
gut wie keine Rolle, alle Augen waren immer auf die notleidenden
europäischen Südstaaten, auf Griechenland vor allem sowie auf Spanien
und Portugal gerichtet. Dabei hat die Krise den Litauern (und Balten)
mindestens genau so übel mitgespielt: Die Staatsausgaben wurden um 30
Prozent gekürzt, die Gehälter im öffentlichen Dienst um 20 Prozent,
die Pensionen um 11 Prozent; auf der Gegenseite wurden die Steuern
erhöht. Und das alles ohne Rettungspakete von Seiten des
Währungsfonds oder der EU.
Der Preis, den die Litauer für diese Rosskur berappen mussten, war
enorm: das BIP brach 2009 um fast 15 Prozent ein; die Armutsquote
liegt bei 16 Prozent, die hohe Dunkelziffer nicht miteinberechnet;
rund 500.000 Bürger verließen das Land seit seiner Unabhängigkeit
1990, vor allem die Jungen und Qualifizierten.
Doch mittlerweile ist die Krise, anders als in Europas Süden,
überwunden. Für heuer wird mit einem Wachstum um die 3 Prozent
gerechnet, die Investitionen sollen sogar um 5 Prozent steigen, der
Konsum um mehr als 3 Prozent. Und während in andere Staaten laut
darüber nachgedacht wird, ob es nicht vielleicht besser wäre, die
Eurozone zu verlassen, ist Litauen wild entschlossen, der
Gemeinschaftswährung Anfang 2015 beizutreten.
Sicher, Litauens Streben ins Herz der Union hat viel mit seiner
geografischen Lage, seiner Geschichte und den Erfahrungen mit dem
russischen Nachbarn zu tun. Aber wie das Land seine Probleme
bewältigt, nötigt Respekt ab - und verdient Anerkennung.
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