• 02.05.2013, 17:36:38
  • /
  • OTS0245 OTW0245

Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Das Spiel wird surrealer"

Ausgabe vom 3.5.2013

Utl.: Ausgabe vom 3.5.2013 =

Wien (OTS) - Als am Donnerstag Mario Draghi die neuerliche Senkung
des Zinssatzes der Europäischen Zentralbank verkündete, gaben die
Aktienkurse leicht nach, der Euro stieg - vorerst zumindest.

Nach dem herkömmlichen Handbuch für Wirtschaftswissenschaften hätte
das genaue Gegenteil eintreten müssen: Steigende Börsen, weil Sparen
angesichts eines Zinssatzes, der von der Inflation mehr als
aufgefressen wird, noch unattraktiver geworden ist; und ein sinkender
Eurokurs, da das Übermaß an billigem Geld Europas Währung doch
schwächen sollte.

Aber Real- und Finanzwirtschaft halten sich nicht mehr an einst in
Stein gehauene Zusammenhänge. Tatsächlich fielen die Kurse, weil die
Börsen die erwartete Zinssenkung zuvor eingepreist hatten; und der
Euro stieg, weil Draghis Schritt die Refinanzierungssorgen etlicher
Problemkinder erheblich milderte. Frankreich etwa, das in puncto
Wettbewerbsfähigkeit bedrohlich hinter Deutschland zurückgefallen
ist, refinanzierte sich so billig wie nie zuvor.

Zentraler Beweggrund für den Zinsschritt der EZB war jedoch der
hartnäckig verhangene Konjunkturhimmel. Billiges Geld, so lehren es
die Lehrbücher, regt Investitionen an und sorgt für Wachstum. Und
Wachstum, das zeigt ein Blick auf Arbeitslosenstatistiken und
Schuldenstände, benötigt Europa mehr als alles andere.

Doch die triste Realität zeigt: Noch wichtiger als billiges Geld ist
Zuversicht in die Zukunft. Solcher Optimismus lässt sich zwar durch
gezielte Maßnahmen durchaus fördern und fordern, nur erkaufen lässt
er sich nicht.

Schon ist die Rede davon, dass der EZB die Mittel im Kampf gegen das
Konjunkturtief ausgehen. Viel billiger kann Geld nicht mehr werden.
Allerdings hat Draghi bereits andere, unkonventionellere Ideen
angedeutet, nicht nur zwischen den Zeilen, sondern expressis verbis.
Vorstellbar etwa sei, die Banken durch eine Strafgebühr davon
abzuhalten, das billige EZB-Geld nicht wiederum bei der EZB zu
parken, sondern als Kredite in die Realwirtschaft zu pumpen.
Daraufhin hat der Euro an wert eingebüßt.

Andeuten, locken und - wenn denn gar nichts anders mehr hilft -
drohen: Draghi muss hoffen, dass die Banken diesen Wink rechtzeitig
aufnehmen und entsprechend handeln. Die reale Tat verpufft zusehends,
Wirkung zeigt nur noch die Zukunftserwartung. Das Spiel wird
surrealer als es ohnehin schon ist.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel