- 19.04.2013, 18:35:30
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DER STANDARD-Kommentar "Ökonomischer Blindflug" von Andreas Schnauder
"Nicht nur der Währungsfonds steht ratlos zwischen Schuldenbergen und Geldflut" - Ausgabe 20.4.2013
Utl.: "Nicht nur der Währungsfonds steht ratlos zwischen
Schuldenbergen und Geldflut" - Ausgabe 20.4.2013 =
wien (OTS) - Die großen Industriestaaten treten - in ungleichem Takt
- auf derselben Stelle. Weder Europa noch Japan noch die USA haben
bisher einen tauglichen Weg aus der Krise gefunden. Was niemanden
davon abhält, unterstützt vom befreundeten Ökonomenlager, mit dem
Finger auf die Mängel in der Wirtschaftspolitik des jeweils anderen
zu zeigen.
Am stärksten steht derzeit Tokio in der Auslage: Die japanische
Notenbank hat mit der Ankündigung einer Verdoppelung der ohnehin
schon aufgeblähten Geldmenge viel Zündstoff geliefert. Der Yen
befindet sich im Tiefflug, der Vorwurf der Währungsmanipulation wird
immer lauter.
In den USA läuft die Notenpresse ebenfalls bereits verdächtig lange
auf vollen Touren, ohne dass allzu große Fortschritte ersichtlich
wären. Die zarten Anzeichen einer Konjunkturbelebung basieren eher
auf billigem Schiefergas, das unabhängig von der ökologischen
Beurteilung zu einer rasanten Reindustrialisierung führt, und der
Stärke der US-Technologiegiganten.
Das Geld der Notenbank Fed sucht global nach Veranlagung und findet
es in Sachwerten und Spekulationsobjekten. Während die
Industriestaaten wirtschaftlich schwer zu kämpfen haben, bilden sich
bereits wieder gefährliche Blasen - was vor allem in den
Schwellenländern nicht nur Unmut, sondern zusehends Gegenmaßnahmen
provoziert.
Die meisten Buhrufe erntet freilich Europa mit seinem Sparkurs. Beim
Frühjahrstreffen von Weltbank und Währungsfonds wurde nebst
Versäumnissen bei der Sanierung des Finanzsektors die restriktive
Haltung der EZB und der öffentlichen Hände gebrandmarkt.
Die Eurozone hat beim globalen Wachstumswettbewerb den goldenen
Bremsklotz seit Jahren gepachtet. Dass die Lösung der
Haushaltsprobleme am alten Kontinent - im Unterschied zu Japan und
den USA - nicht auf die lange Bank geschoben wird, zählt offenbar
nicht. Das zeigt schon, wie stark Sichtweisen und Rüstzeug der
ökonomischen Lager voneinander abweichen. Der Währungsfonds tut sich
schwer, hier als ordnende Instanz zu fungieren. Die Notenbanken
befänden sich in unbekannten Gewässern, konstatierte IWF-Chefin
Christine Lagarde. Ähnliche Ratlosigkeit dokumentieren Äußerungen des
Fonds, wonach eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik Risiken für
die Zukunft berge, bei einem Ausstieg aber Kurssturz und Zinsanstieg
drohten. Aha.
Wir lernen aus dem verunglückten Spagat zwischen den ideologischen
Gräben: Im Vergleich zur Wirtschafts- und Geldpolitik ist das Orakel
von Delphi ein offenes Buch. Dazu passen die gerade aufgeflogenen
Fehlberechnungen in einer Studie der (bisher) angesehenen Ökonomen
Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart, deren Untersuchungen die negative
Wechselwirkung von Verschuldung und Wachstum unterstrichen. Die
Excel-Panne der Wissenschafter ist Wasser auf die Mühlen jener, die
den bedrohlich gewachsenen Schuldenberg trotz der alterungsbedingt
explodierenden Kosten immer noch als vernachlässig_baren Hügel
betrachten.
Dieser seit Jahren anhaltende ökonomische Blindflug verhindert
koordinierte Maßnahmen für Wachstum und Regulierung sowie gegen neue
Spekulationsblasen und Währungsstreitigkeiten. Mit gegenseitigen
Schuldzuweisungen kommt die Industriewelt ebenso wenig wie die
Ökonomenzunft wieder aus dem tiefen Tal der Tränen heraus.
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