• 12.04.2013, 17:56:28
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Wiener Zeitung: Generalangriff aufs Glücksspiel. Von Clemens Neuhold

Ausgabe vom 13. April 2013

Utl.: Ausgabe vom 13. April 2013 =

Wien (OTS) - Wien. Aus Sorge über die hohe Zahl an Spielsüchtigen hat
der Städtebund eine Resolution verabschiedet, die als Generalangriff
auf das freie Glücksspiel zu werten ist. Der Städtebund vertritt 245
Städte und praktisch alle österreichischen Gemeinden über 10.000
Einwohner. Vorsitzender und Präsident ist der Wiener Bürgermeister
Michael Häupl; er hat die Resolution abgesegnet.

Verbot und Monopol

In der Resolution heißt es unter anderem: "Ein riesiges Problemfeld
(...) ist das Onlineglücksspiel. Es ist darauf hinzuarbeiten, ebenso
wie in den USA, Online-Glücksspiel und Online-Sportwetten generell zu
verbieten." Dieser Bereich entziehe sich der Kontrolle durch die
öffentliche Hand.

"Generell verboten" werden soll laut Städtebund außerdem jegliche
Glücksspielwerbung, egal in welchem Medium. Im Bereich der viel
diskutierten Spielautomaten ("kleines Glücksspiel") fordert der
Städtebund nicht weniger als eine "Monopolisierung des kleinen
Glücksspiels". Dieser Schritt sei notwendig, um alle Forderungen zum
besseren Spielerschutz "effektiver umzusetzen".

Beim kleinen Glücksspiel sind der weltweit agierende Automatenriese
Novomatic und die Casinos Austria groß im Spiel. Die Resolution legt
sich nicht auf einen Anbieter fest. Aufgrund des staatlichen Anteils
hätten die Casinos beim Städtebund wohl bessere Karten aufs Monopol.
Für die Automaten fordert der Städtebund Zugangskontrollen, längere
Spieldauer pro Einsatz, längere Pausen, niedrigere Einsatzlimits,
Maximalverluste pro Woche. Das bestehende Glücksspielgesetz müsse
nachgeschärft werden.

Auch die wachsende Zahl an Fußballwettcafés ohne Zugangskontrollen
ist dem Städtebund ein Dorn im Auge. Sportwettcafés sollen künftig
nicht mehr der Gastronomie, sondern "dem Glücksspielbereich
zugerechnet" werden. "Es muss eine strengere Kontrolle der
Altersgrenzen geben, um den Jugendschutzbestimmungen gerecht zu
werden."

Krise macht doppelt süchtig

Die Resolution markiert eine drastische Wende der Stadt Wien im
Umgang mit dem Glücksspiel. Als die kleine Wiener SPÖ-Splittergruppe
"Sektion 8" durch einen Überraschungscoup am Landesparteitag 2011 ein
Verbot des kleinen Glücksspiels in Wien erwirkte, warnten
Parteigranden noch vor den Folgen - nicht für Spieler, sondern für
die Stadtkasse: Dort fehlen durch das Verbot ab 2015 über 55
Millionen Euro.

Doch nun heißt es: "Gerade in Zeiten der Krise versucht der Staat an
allen Ecken und Enden einzusparen, möglicherweise sogar weitere
Einnahmequellen zu erschließen. Keine Volkswirtschaft, außer
möglicherweise jene von Monaco oder Dubai, kann es aber ernsthaft in
Betracht ziehen, dass Glücksspiel eine nachhaltige Einkommensquelle
sein kann." Das Glücksspiel verursache zu hohe soziale Folgekosten.

Der Städtebund zitiert eine "Studie zur Prävention von
Glücksspielsucht", wonach es in Österreich 64.000 Spielsüchtige gibt.
Unter den Automatenspielern sei "jeder zweite" süchtig. 60 Prozent
der Umsätze aus der Glücksspielindustrie würden von einem Prozent der
Spieler aufgebracht.

Soziale Reparaturkosten

"Die Beschaffungskriminalität aufgrund von Spielsucht hat jene
aufgrund von Drogensucht als Tatmotiv überholt", heißt es in der
Resolution weiter. "Hinter Handydiebstählen, Überfällen auf Banken,
Trafiken oder Wettcafés steht zunehmend das Motiv der Spielsucht."

Der Generalsekretär des Städtebundes, Thomas Weninger, sagt im
Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Wir Städte und Gemeinden haben
die Folgekosten zu tragen und werden zunehmend zur sozialen
Reparaturwerkstatt."

Weninger ist bewusst, dass Forderungen wie ein Verbot des
Online-Glücksspiels (zu dem Weninger auch Online-Poker zählt), aus
Wettbewerbsgründen nicht allein auf nationaler Ebene beschlossen
werden können. Doch er glaubt an ein Umdenken in der gesamten
Europäischen Union. "Wir sind in Kontakt mit Städten und Gemeinden in
ganz Europa und wissen, dass Glücksspiel überall große Probleme
macht.

Vor allem der Süden kämpft mit Spielsucht. Kein Zufall: je stärker
die Krise, desto größer die Hoffnung der Zocker aufs schnelle Geld.
Das gilt auch für den Staat. Italien soll so massiv auf Einnahmen aus
dem Glücksspiel gesetzt haben, dass jetzt die Spielsucht grassiert.
Besorgte Bürgermeister steigen dort nun gegen Spielhallen auf die
Barrikaden.

So weit will es der Städtebund nicht kommen lassen. Die Resolution
wird beim Städtetag im Juni als Empfehlung an die nächste Regierung
ins Spiel gebracht.

www.wienerzeitung.at

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