• 30.03.2013, 16:13:24
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zeiten zum Aufatmen" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 31.03.2013

Utl.: Ausgabe vom 31.03.2013 =

Graz (OTS) - Wer kennt sie nicht, die schambefreiten Handynutzer
im öffentlichen Raum? Unbekümmert brüllen sie Intimes wie
Geschäftliches in ihr Gerät. Dass sie stören könnten, kommt ihnen
nicht in den Sinn.

Die Sängerin Angelika Kirchschlager hat den Kampf gegen das Übel
begonnen. Als Eintags-Chefredakteurin der Presse hat sie kürzlich
beschrieben, wie sie das macht. Im Zug spricht sie Leute an, die laut
telefonieren, bittet um Ruhe. Auch sonst kämpft sie gegen Lärm. In
Geschäften irritiert sie Verkäuferinnen mit ihrer Klage über zu laute
Musik. Manchmal geht sie, ohne einzukaufen.

Unmittelbare Folgen wird der Aufschrei der prominenten Künstlerin
kaum haben. So durchschlagskräftig sind Medien nicht. Zu
selbstverständlich ist uns die allgegenwärtige Beschallung in Wort
und Ton. Aber vielleicht ist ihre Klage der Anfang einer überfälligen
Debatte: Wie viel Stille brauchen wir und wie nützen wir die
wunderbaren Geräte, die uns Kommunikation erleichtern sollen?

Keiner der geschilderten Missstände ist böswillig entstanden. Am
Anfang stand die Neugier, die Freude an Musik, an neuen
Kontaktmöglichkeiten, an technischer Spielerei. Irgendwann übernimmt
das Gerät das Kommando. Es erzwingt permanente Aufmerksamkeit wie
einst das Tamagotchi. Sie erinnern sich an die kleinen Geräte, die
elektronisch gefüttert werden wollten? Vergaß man, "starben" sie. Das
schlechte Gewissen blieb.

Auch Handys konditionieren ihre Besitzer. Wenn Verfügbarkeit allzeit
möglich ist, wird sie bald auch erwartet. Elektronische Post bis zum
nächsten Arbeitstag nicht zu öffnen, ist fast schon ein Sakrileg. Was
dabei verloren geht, ist der Zwischenraum, der uns atmen lässt, der
Freizeit von Arbeitszeit scheidet, Ruhe von Betriebsamkeit.

All das ist nur selten angeordnet. Wir, die Nutzer, machen uns die
Not selber. Also können wir sie nur selber beenden. Wann wir welches
Gerät wie nützen, müssen wir bewusst entscheiden, Regeln einführen
und uns dann daran halten. Das Prinzip heißt Rücksicht - auf andere
und auf uns selbst. Sonst wird die Annehmlichkeit zum Fluch.

Es ist ähnlich wie bei der Sonntagsruhe, die anzunagen diese Woche
ein Drogeriemarkt versuchte. Auch der Sonntag als gemeinsame
Unterbrechung der Arbeitszeit ist so ein Zwischenraum, der das Atmen
erleichtert. Epochen, die weniger Zeitnot kannten als wir, fanden ihn
selbstverständlich und wären nicht auf den Gedanken gekommen, ihn
merkantilen Überlegungen zu opfern. Wir, die wir ihn nötiger hätten
als jede Kultur vor uns, wollen ihn aufheben. Seltsam eigentlich.****

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

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