• 18.03.2013, 19:52:15
  • /
  • OTS0207 OTW0207

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Irgendwer zahlt immer die Zeche der Zechpreller" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 19.03.2013

Utl.: Ausgabe vom 19.03.2013 =

Graz (OTS) - Die Euro-Krise: Seit Jahren hält sie uns in Atem,
aber viele Bürger haben sie bisher trotzdem nur aus den Medien
gekannt. Seit Freitagnacht ist das anders. Der Plan der Euro-Gruppe,
von zypriotischen Sparkonten im nächtlichen Handstreich eine
Zwangssteuer abzubuchen, war ein Tabubruch ersten Ranges. Er lässt
die dräuende Gefahr auch hierzulande für jeden Sparer real werden.
Der ganze Kontinent ist in Aufruhr. Denn plötzlich geht es nicht um
"die Politik", sondern ums eigene Geld.

Dass jetzt zurückgerudert wird und man das Zypern-Paket abschwächen
will, ist womöglich erst recht ein Alarmzeichen. Denn es zeigt, dass
sich die Politik von der Wutreaktion der Bürger überraschen ließ,
obwohl diese doch absehbar war. Wie weltfremd müssen die EZB-Bosse
und die Staatschefs der Euro-Gruppe eigentlich sein, wenn ihnen nicht
klar war, was so eine Gewaltaktion bedeutet? Drei Generationen ist es
her, dass in Mitteleuropa die Sparguthaben durch Hyperinflation
vernichtet wurden. Jetzt ist es in den Augen vieler Bürger wieder so
weit - die Angst ist entfesselt und kann mit Argumenten nicht
gebändigt werden. Die Euro- und Europagegner bekommen mächtigen
Auftrieb, Verschwörungstheorien machen die Runde.

In der Sache selbst muss man freilich differenzieren. Ein Aderlass
für die Sparer sieht hässlich aus, aber die Alternativen sind auch
nicht besser. Jede Bankenrettung kostet viel Geld, und ein Bankentod
ist noch teurer - die Lehman Brothers lassen grüßen. Irgendwer zahlt
immer die Zeche für Gier und Unvermögen der anderen. In Griechenland
blieben die Konten ungeschoren, dafür wurden Löhne und
Sozialleistungen drastisch gekürzt. Ist das besser? In Island blieben
einheimische Konten unangetastet, die Ausländer wurden abkassiert.
Jede "Einlagengarantie" bietet trügerische Sicherheit, zumal Europas
Steuerzahler als Gesamtheit schon heute ad infinitum für Banken und
Staatsschulden haften.

Die Antwort kann nur lauten: Wo immer es geht, müssen Lasten
verursachergerecht verteilt werden, anstatt sie der Allgemeinheit
aufzubürden. Der Versuch, in Zypern die russischen
Schwarzgeld-Anleger zu treffen, ist dem Grunde nach richtig. Nur das
Mittel war falsch. Das Mindeste wäre nun, wenigstens Kleinsparer bis
zu einem Freibetrag von etwa 15.000 Euro zu verschonen.

Vor allem aber gehört das Übel an der Wurzel gepackt. Zypern, die
Kanalinseln und ähnliche Spielkasinos müssen juristisch gebändigt
werden. Sonst ist es bis zum nächsten "Haircut" bloß eine Frage der
Zeit.****

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PKZ

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel