- 18.03.2013, 10:43:56
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Hausarztmodell am Abgrund
Österreichischer Hausärzteverband veranstaltet Diskussionsabend über die "Hintergründe und Abgründe" der sogenannten Gesundheitsreform
Utl.: Österreichischer Hausärzteverband veranstaltet
Diskussionsabend über die "Hintergründe und Abgründe" der
sogenannten Gesundheitsreform =
Wien (OTS) - Österreichs Hausärzte haben genug. Seit Jahrzehnten
werde die Aufwertung des Hausarztes als tragendes Element einer
"Gesundheitsreform" von den Politikern versprochen. Ein
Lippenbekenntnis. Denn die traurige Realität sieht anders aus:
"Ärztliche Leistung wird geringgeschätzt, die Ausbildung immer
schlechter, die Tarifsituation unerträglich. Dafür werden den Ärzten
bürokratische Hürden aufgebaut und zudem - ironischerweise unter
Wortführung der Patientenanwälte - die öffentliche Wertschätzung
demontiert", so Hausärzte-Präsident Dr. Christian Euler.
Im Rahmen eines Diskussionsabends am 16. April im Wiener
RadioKulturhaus zeigt der Österreichische Hausärzteverband die
dramatische Ambivalenz des Geschehens auf. Gleich zwei aktuelle
Studien weisen die Leistungsfähigkeit und soziale Relevanz der
Allgemeinmedizin nach. Allerdings: Die Gesellschaft hat oft nichts
davon, denn die Rahmenbedingungen lassen ein qualitätsvolles Wirken
nur noch selten zu. Am Beispiel zweier renommierter österreichischer
Ärzte, die daraus die Konsequenzen zogen, lässt sich erkennen: "Mein
Arzt ist weg" ist keine Panikmache, sondern Alltag in einem
politischen Umfeld, das den niedergelassenen Arzt in Wahrheit an den
Abgrund drängt.
Aktuelle Hausarzt-Studien
In einer breit angelegten Studie unter der Leitung des
niederösterreichischen Arztes Dr. Dietmar Kleinbichler wurde erstmals
das Ausmaß der von Österreichs Hausärzten geleisteten
Patientenversorgung dokumentiert, um dadurch die Evidenz in der
Allgemeinmedizin zu erweitern und eine Datenbank für die Forschung
verfügbar zu machen. Das Ergebnis lässt aufhorchen: 94,7 Prozent
aller Patienten konnten vom Hausarzt selbst behandelt werden,
lediglich 6,3 Prozent wurden überwiesen - die Legende vom Hausarzt
als "Gatekeeper" entspricht also keineswegs der Realität. In
zahlreichen Fällen und ganz besonders bei älteren Menschen wurden bei
Hausarztbesuchen gleich mehrere Probleme behandelt. Damit werde nicht
nur die Qualität allgemeinmedizinischer Arbeit unterstrichen, dies
führe auch zu einer Kosteneinsparung für das Gesundheitssystem, so
Kleinbichler. Im Schnitt behandelten die Hausärzte über 1.000
Patienten pro Jahr auch an Wochenenden - ein nachdrücklicher Hinweis
auf die Versorgungskontinuität durch die niedergelassenen
Allgemeinmediziner.
Interessante Ergebnisse liefert auch eine Studie des bekannten
Sozialforschers Prof. Dipl.-Ing. Ernst Gehmacher, der die
Hausarzt-Versorgung im städtischen und ländlichen Bereich verglich.
In beiden beobachteten Gruppen haben rund 84 Prozent einen Hausarzt,
dem sie vertrauen. Und vor allem: "Zwischen Hausarztbetreuung,
Gesundheit und Befindlichkeit gibt es klare Wirkungszusammenhänge",
so Gehmacher. Die von Hausärzten Betreuten achten eher auf gesunde
Ernährung, meiden Nikotin und Alkohol, machen mehr Bewegung und
nehmen öfter an präventivmedizinischen Behandlungen teil. "Das Ideal
einer Einsparung von einem Viertel der Krankheitskosten setzt aber
nicht nur die Vollversorgung mit hausärztlicher Betreuung, sondern
auch ein optimales Leistungsniveau voraus. Also mehr Hausärzte mit
mehr Zeit für den Patienten, mehr einschlägige Bildung sowie
nachhaltige Bewusstseinsbildung in Politik und Öffentlichkeit",
kommentiert Gehmacher die Studie.
Zu Tode gespart
In dem von Bürokratie, politischen Machtspielen und ideologischem
Brotneid geprägten Alltag spielt es all das freilich nicht. "So lange
Kassen- und Politfunktionäre den Versorgungsengpass nicht spüren,
werden sie ihren Kurs nicht ändern", meint Dr. Wolfgang Geppert,
ehemaliger Vizepräsident des Hausärzteverbandes und bis vor kurzem
als Landarzt tätig. Sein Ausweg, so sehr es ihn auch schmerzt: die
Praxis schließen, kompromisslos, ohne "Nachglühen als Wahlarzt,
Totenbeschauer oder Vertreter des Nachbarkollegen".
Unter der katastrophalen Situation leiden längst auch
niedergelassene Fachärzte, wie der Fall des Eisenstädter Urologen Dr.
Gerhard Hafner zeigt. Zwischen Leitlinien-Verpflichtungen,
Kassenlimitierungen, Wirtschaftlichkeit und steigender
Patienten-Begehrlichkeit sei es mittlerweile ein Hochseilakt, eine
Kassenpraxis zu führen, so Hafner. Er fühle sich "für die Politik als
lästiger Kostenfaktor, für manche Patienten als
Medizin-Selbstbedienungsladen, der am besten 24 Stunden am Tag zur
Verfügung steht". "Der niedergelassene Bereich wird zu Tode gespart.
Umsätze müssen durch steigende Patientenzahlen erwirtschaftet werden
statt durch fürsorgliche Patientenbetreuung und moderne medizinische
Leistungen", betont der Eisenstädter Urologe, der seinen
§2-Kassenvertrag nach 11 Jahren nunmehr zurücklegte.
Wo bleibt die Vernunft?
Noch haben wir engagierte Ärzte und noch ist das Vertrauen der
Bevölkerung in die Ärzteschaft vorhanden", fasst
Hausärzteverbands-Präsident Euler zusammen. Der Gesundheitsreform
fehle aber die sachkundige Vernunft und die soziale Kompetenz.
Ärztliche Leistungen würden geringgeschätzt und organisatorische
Vorgaben überschätzt. "Einige wenige Aktionäre werden Gewinne
schöpfen, die Mehrzahl der Menschen aber wird unwiederbringliche
Werte verlieren", so Euler.
Diskussionsabend des Österreichischen Hausärzteverbandes
"Hintergründe und Abgründe"
Dienstag, 16. April, 19 Uhr
RadioKulturhaus, Argentinierstraße 30a, 1040 Wien
Referenten:
Prof. Dipl.-Ing. Ernst Gehmacher
Lektor an der TU Wien, langjähriger Geschäftsführer des
Marktforschungsinstitutes IFES, wissenschaftlicher Leiter der Paul
Lazarsfeld-Gesellschaft, Autor zahlreicher Publikationen
Dr. Dietmar Kleinbichler
Arzt für Allgemeinmedizin in Markersdorf-Haindorf/NÖ.
Dr. Gerhard Hafner
Facharzt für Urologie in Eisenstadt
Dr. Wolfgang Geppert
ehem. Arzt für Allgemeinmedizin in Wilfersdorf/NÖ.,
ehem. Vizepräsident des Österreichischen Hausärzteverbandes
Moderation:
Dr. Christian Euler
Präsident des Österreichischen Hausärzteverbandes
Eine weitere Diskussionsveranstaltung des Österreichischen
Hausärzteverbandes findet statt am 11. Juni.
Weitere Informationen unter www.hausaerzteverband.at
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