• 14.03.2013, 19:07:47
  • /
  • OTS0323 OTW0323

DER STANDARD-Kommentar: "Papst der Unruhe" von Josef Kirchengast

"Franziskus verkörpert die Spannungen in der Kirche - und soll sie auflösen"; Ausgabe vom 15.03.2013

Utl.: "Franziskus verkörpert die Spannungen in der Kirche - und soll
sie auflösen"; Ausgabe vom 15.03.2013 =

Wien (OTS) - Unter katholischen Ordensleuten kursiert ein alter Witz:
Welcher Orden ist denn nun der gottgefälligste? Der Franziskaner
streicht das Bekenntnis zur Armut heraus. Der Benediktiner preist den
Fleiß seiner Brüder. Da fällt dem Jesuiten nur noch eines ein: "Aber
in der Demut sind wir allen überlegen!"
Der Witz hat einen ernsten Kern. Die Jesuiten waren und sind nicht
allseits beliebt in der katholischen Kirche. Mitunter haben sich
Mitglieder der "Gesellschaft Jesu" so verhalten, als bedeutete das
Ordensmotto "Omnia Ad Maiorem Dei Gloriam" (Alles zur größeren Ehre
Gottes), dass der Zweck die Mittel heiligt. Ordensgründer Ignatius
von Loyola sagte: "Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es
die Kirche so definiert."
Der Italoargentinier Jorge Mario Bergoglio ist der erste Jesuit auf
dem Stuhl Petri. Seine gelebte Bescheidenheit als Erzbischof von
Buenos Aires wie auch sein erster Auftritt als Papst machen klar,
dass Demut für ihn nichts mit Koketterie zu tun hat. Die Namenswahl
nach Franz von Assisi ist Programmansage zugunsten einer Kirche der
Armen, Benachteiligten. Diese Kirche versteht Franziskus, wie er in
seiner kurzen Ansprache sagte, als eine gemeinsame von Klerus und
Volk. Und als eine mit Universalitätsanspruch: "Beten wir für die
ganze Welt, damit ein großes Miteinander herrsche."
Dieses "große Miteinander" verträgt sich freilich schlecht mit
Bergoglios konservativ-dogmatischer Haltung in Fragen des Glaubens
und der Sexualmoral. Damit ist schon das erste große Spannungsfeld im
neuen Pontifikat umrissen. Eingebunden in das jesuitische Netzwerk,
eines der besten innerhalb der Kirche, wird Bergoglio auch als Papst
über die Verhältnisse außerhalb der VatikanMauern weit besser
informiert sein als sein Vorgänger Ratzinger (der sich ohnehin in der
stillen Theologenstube wohler fühlte). Aber was wird Franziskus aus
dieser Vernetzung machen? Wird er den jesuitischen Missionsauftrag im
engen oder in einem weiter gefassten katholischen Verständnis
umzusetzen versuchen?
Laut italienischen Medien soll seine Wahl nicht nur ein globales
Signal sein, sondern vor allem auch der von Evangelikalen bedrängten
Kirche in Lateinamerika Rückenwind geben. Hier kommt ein weiterer
Spannungsfaktor hinzu: Bergoglios unklare Haltung als
Jesuiten-Provinzial zur argentinischen Militärdiktatur. Sie steht
gewissermaßen symbolisch für das zwiespältige Verhältnis der
katholischen Kirche zu autoritären Machthabern nicht nur in
Lateinamerika.
Was die Machtverhältnisse innerhalb der Kirche betrifft, so war die
Szene auf der Loggia des Petersdoms von tiefem Symbolgehalt: ein
Papst der Demut und Bescheidenheit in schlichtem Weiß, eingerahmt von
Kardinälen der römischen Kurie in leuchtendem Purpur. Da klang es wie
ein Hilferuf an die Menschenmenge unten auf dem Petersplatz, als
Bergoglio den "Weg der Brüderlichkeit, der Liebe, des gegenseitigen
Vertrauens" beschwor. Er kennt den vatikanischen Machtapparat auch
von innen und weiß, dass ein Einzelner machtlos gegen ihn ist.
Aber wie stark das Echo auf seinen Ruf nach außen ausfällt, das liegt
nun ganz an ihm. Chancen als Reformer wird Franziskus nur haben, wenn
er statt der ruhigen Sammlung, auf die sein Vorgänger Benedikt
setzte, schöpferische Unruhe erlaubt. Und Weiß Weiß sein lässt, auch
wenn ein Dogma es für Schwarz erklären würde.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel