- 14.03.2013, 14:25:18
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Ärztemangel in Wien: Krankenkasse agiert kurzsichtig und verantwortungslos
WGKK übersieht Großstadtfaktor und demografische Entwicklung bei Planung der medizinischen Versorgung
Utl.: WGKK übersieht Großstadtfaktor und demografische Entwicklung
bei Planung der medizinischen Versorgung =
Wien (OTS) - Die Wiener Ärztekammer warnt vor der massiven Gefahr
eines Ärztemangels bei einem weiteren Abbau von Kassenplanstellen in
Wien. "Die Gebietskrankenkasse versucht die Versorgungssituation
schönzureden. Vergleiche der Ärztedichte in Wien mit Gesamtösterreich
sind aber unsinnig und wenig zielführend, denn die Krankenkasse lässt
besondere Versorgungsbedürfnisse einer Großstadt und das
Bevölkerungswachstum völlig außer Acht", kritisierte Johannes
Steinhart, Vizepräsident und Obmann der Kurie niedergelassene Ärzte
der Ärztekammer für Wien, die heutigen Aussagen der Krankenkasse zur
medizinischen Versorgung in Wien. ****
Wie es mit dem kassenärztlichen Angebot in Wien tatsächlich
aussieht, zeigen die objektiven Zahlen: In den Jahren 2000 bis 2011
hat sich in Wien die Zahl der Ärztinnen und Ärzte mit einem
WGKK-Vertrag um 117 reduziert, während im selben Zeitraum die
Bevölkerung von 1,55 Millionen auf 1,73 angewachsen ist. "Einem
Bevölkerungs- und Bedarfs-Plus steht also ein Ärzte-Minus gegenüber",
so Steinhart. "Dazu kommt noch, dass die Menschen immer älter werden
und damit natürlich der medizinische Aufwand steigt."
Besondere Versorgungsbedürfnisse in Großstädten
Als Großstadt ist Wien weiters mit speziellen sozioökonomischen
Faktoren konfrontiert, die mehrere Besonderheiten in
gesundheitspolitischer Hinsicht ergeben: Der "Großstadtfaktor" ist
dafür verantwortlich, dass viele Krankheiten, wie beispielsweise
Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, HIV, Atemwegserkrankungen,
Drogenmissbrauch oder Depressionen, häufiger vorkommen als in anderen
Regionen Österreichs. "Eine höhere Ärztedichte als im Rest
Österreichs ist daher unverzichtbar", betont Steinhart.
Statistiken belegen das eindrucksvoll: So befindet sich die
Herz-Kreislauf-Sterblichkeit bei den unter 75-Jährigen in Wien um 25
Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die Krebssterblichkeit ist um 9
Prozent erhöht. Bei Lungenkrebs liegt in Wien der Wert bei den
Männern um 18 Prozent und bei den Frauen sogar um 36 Prozent über dem
landesweiten Durchschnitt. "Wien muss sich mit Städten mit ähnlichen
sozioökonomischen Voraussetzungen wie München oder Hamburg
vergleichen", erklärt Steinhart.
Ärztedichte in Deutschland deutlich höher
Für deutsche Städte gibt es im Gegensatz zu Österreich seit 1.
Jänner 2013 gesetzlich festgelegte Verhältniszahlen für die ärztliche
Versorgung. Der Vergleich: In Wien kommen auf einen Hausarzt 2170
Patienten. Das deutsche Versorgungkonzept sieht hingegen pro Arzt
lediglich 1671 Patienten vor. Ein Wiener Hausarzt ist also für in
etwa 30 Prozent mehr Patienten zuständig als das deutsche Konzept für
Ärztinnen und Ärzte in Großstädten vorsieht.
Besonders deutlich zeigt sich das Missverhältnis bei den
Fachärzten für Hals-, Nasen und Ohrenkrankheiten. Fachärzte in diesem
Bereich betreuen in Wien fast drei Viertel (73 Prozent!) mehr
Patienten als das deutsche Versorgungskonzept für HNO-Ärztinnen und
Ärzte vorsieht.
Weitere erschreckende Beispiele: Auf Wiener Kinderärzte kommen um
60 Prozent mehr Patienten und auf Augenärzte um 40 Prozent mehr als
es laut dem deutschen Versorgungskonzept ideal ist.
Geringe Kapazitäten verursachen lange Wartezeiten
Dass eine der praktischen Konsequenzen des WGKK-Sparkurses für
Patienten bereits spürbar ist, zeigt eine aktuelle Umfrage des
Makam-Research Instituts (1000 Befragte): Die knappen Kapazitäten bei
den Kassenplanstellen führen zu zum Teil sehr langen Wartezeiten. So
muss man bei Wiener Augenärzten durchschnittlich 14 bis 29 Tage auf
einen Kontrolltermin warten (in den Bezirken diesseits der Donau
sogar 28 bis 42 Tage), bei Neurologen 21 bis 27 Tage und bei
Frauenärzten 14 bis 20 Tage. Bei Chirurgen beträgt die Wartezeit
sogar bei akuten Beschwerden sieben Tage.
"Bevor sich diese Situation weiter verschärft und sich ein
regelrechter Versorgungsnotstand abzeichnet, sind dringend
zusätzliche Investitionen in die Gesundheit der Wiener und
strukturelle Verbesserungen im niedergelassenen Bereich
erforderlich", so Steinhart. Das Modell der Wiener Ärztekammer sieht
vor, dass innerhalb von einem Jahr zusätzlich 300 Kassenverträge nach
einer genauen Bedarfsevaluierung nach Fächern und Wohnbezirken neu
geschaffen werden.
"Und auch die Zahl der Gruppenpraxen muss deutlich erhöht werden,
denn nur so können Wochenenden und Randzeiten abgedeckt werden, wie
es die WGKK fordert. Einem einzelnen Hausarzt ist es aber nicht
zumutbar, während der Woche den ganzen Tag, teilweise in den
Abendstunden und am Wochenende für die Patienten da zu sein", so
Steinhart. "Mit der derzeitigen Honorar- und Leistungsvergütung wird
das aber unmöglich. Es müssen entsprechende Rahmenbedingungen
geschaffen werden. Ordinationen und Gruppenpraxen sind 'gesamte
Betriebe', folglich brauchen Ärzte auch Mitarbeiter, die sie an
Wochenenden entsprechend entlohnen müssen."
"Ungefähr 90 Gruppenpraxen sind derzeit beantragt, werden aber
aus Sparerwägungen in verantwortungsloser Weise nicht von der Wiener
Gebietskrankenkasse freigegeben", so Steinhart, der an die
Krankenkasse appelliert, diese notwendigen 300 neuen Stellen und 90
Gruppenpraxen "dringendst einzurichten". (ssch)
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