• 11.03.2013, 17:14:46
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Rettungsappell für das Stadthallenbad: Offener Brief an den Bürgermeister der Bundeshauptstadt Wien Dr. Michael Häupl

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Seit dem Jahr 2009 verfolgt die Öffentlichkeit mit großer
Aufmerksamkeit das Geschehen der Sperre und Generalsanierung des
Stadthallenbades. Das Bad war bei der Wiener Bevölkerung sehr
beliebt, die Stadt 1974 nach der Eröffnung stolz, dass die 13.
Europameisterschaft im Schwimmen, in einem international beachteten
Meisterwerk des Architekten Roland Rainer, ausgetragen werden konnte.

Umso mehr ist die Wiener Gesellschaft um die Jahreswende 2011/12
erfreut gewesen, als die Medien im Dezember 2011 und Jänner 2012 von
einer vorbildlichen Instandsetzung und von der bevorstehenden
Wiedereröffnung im Februar 2012 berichteten. Kosten: Rund 16,5
Millionen Euro. Wenige Tage danach war alles anders. Am 24. Jänner
wurden ein Baustopp, eine gerichtliche Beweissicherung und die
Einschaltung des Kontrollamtes der Stadt Wien verkündet. Seitdem wird
die Entwicklung mit Verwirrung, Entsetzen und Empörung verfolgt. Die
Wogen sind hoch gegangen.

Bis zum heutigen Tage gibt es fast keine Woche, frei von neuen
widersprüchlichen Berichten über das Stadthallenbad: die Becken sind
undicht, nein sie sind dicht, der Pfusch im Bad kommt teuer, Streit
um die Chefin der Wiener
Stadthallen-Betriebs-Veranstaltungsgesellschaft, Kontrollamt
beschuldigt Planer, Planer das Kontrollamt, Schuld sind die Firmen,
die Firmen verwahren sich dagegen, Standsicherheit gefährdet, Ruine
Stadthallenbad? Abbruch? Entkernung, da nur die Außenhülle unter
Denkmalschutz? Die Veröffentlichung des Kontrollamtsberichtes im
Oktober 2012 bringt keine Versachlichung der Frage, obwohl er massive
Kritik enthält. Im Jänner 2013 folgt die Meldung, dass die
Beweissicherung in Kürze an die Gerichte weitergeleitet werde. Ein
Streit um den Architekten als Generalplaner führt zu seiner Kündigung
durch die Stadt Wien, dieser weist die Vorwürfe auf das Schärfste
zurück und spricht von absurden Unterstellungen. Da die
Betriebsgesellschaft erwägt, die Firmen zivilrechtlich zu belangen um
das Geld wieder zurück zu bekommen, ist weder die Fertigstellung noch
die Wiedereröffnung abzusehen.

Sprachlich und inhaltlich übernahmen die in Wien viel gelesenen
kleinformatigen Tageszeitungen sehr schnell die "Themenführerschaft".
Zwangsläufig beherrschten bald nur wenige Stichworte, wie vermurkste
Sanierung, Teilabriss, Bauskandal, Fiasko und ähnliches, die
Auseinandersetzung. Dies färbte auch auf die Parteien ab, die sich in
mehreren Sitzungen des Gemeinderates dieser Angelegenheit annahmen.

Ende Jänner 2013 wurde die Debatte um eine neue Facette
bereichert. In Zusammenhang mit der Absicht eine Bewerbung Wiens für
die Olympischen Spiele 2028 anzustreben, tauchte plötzlich im
Gemeinderat eine "Machbarkeitsstudie" für ein neues
Schwimmsportzentrum in Wien auf. Drei Standorte wären denkbar:
Stadionbad, Oberlaa, Seestadt Aspern. Kostenschätzung: 40 Millionen
Euro. Ein Hinweis auf das geschlossene Stadthallenbad durfte nicht
fehlen. Markus Rogan: "Wir haben nicht genug Sportbecken. Und wenn
wir eines haben, hat es ein Loch." Vor diesem Hintergrund bekommen
jene Stimmen neue Nahrung, die überhaupt am Willen einer
Wiedereröffnung des Stadthallenbades zweifeln.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Häupl!

Die unterzeichneten Vereinigungen appellieren an Sie in Ihrer
Aufgabe als Aufsichtsbehörde der Wiener
Stadthallen-Betriebs-Veranstaltungsgesellschaft, den beispiellosen
Vorgängen rund um die Sanierung des Stadthallenbades ein Ende zu
bereiten. Vor dem Bau der Uno-City ist es zu einem Vergabestreit zwar
anderer Art gekommen, der aber politisch durchaus zu vergleichen ist.
Damals hat sich Bundeskanzler Bruno Kreisky zu einer
außergewöhnlichen Maßnahme entschlossen, um den nicht enden wollenden
Schlagabtausch zwischen den politischen Parteien zu beenden. Im April
1972 hat er 1804 Aktenstücke im Festsaal des Bundeskanzleramtes in
einer Ausstellung zur freien Einsicht für Jedermann ausgestellt
(siehe Arbeiter- Zeitung vom 25.4. und 28.4.1972, S. 1). Sein Ziel
ist es gewesen, die Abläufe offen zu legen, um den Gerüchtemachern
den Boden zu entziehen und den Weg für eine Rückkehr zur Sachlichkeit
frei zu machen. Dies ist damals auch gelungen.

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Häupl, Sie und nur Sie, könnten
seinem Beispiel folgen, legen Sie die Gutachten, Sachverhalte und
Entscheidungsvorgänge offen!

Architekturstiftung Österreich- Netzwerk für Baukultur
BAIK - Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten
DOCOMOMO Austria - International working parties for Documentation
and Conservation of buildings, sites and neighbourhoods of the Modern
Movement
ICOMOS Austria - International Council on Monuments and Sites
IG Architektur - Verein Interessensgemeinschaft
Architekturschaffender
Initiative Denkmalschutz
ÖGFA - Österreichische Gesellschaft für Architektur
TICCIH Austria - The International Committee for the Conservation of
the Industrial Heritage

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