- 10.03.2013, 18:12:47
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"DER STANDARD"-Kommentar: "Der große Schock ohne Wirkung" von Gudrun Springer
Die Atomkatastrophe in Japan hatte kaum langfristige energiepolitische Folgen - Ausgabe vom 11.3.2013
Utl.: Die Atomkatastrophe in Japan hatte kaum langfristige
energiepolitische Folgen - Ausgabe vom 11.3.2013 =
Wien (OTS) - Das Unglück von Fukushima hat die Welt vor zwei Jahren
schockartig daran erinnert, dass auch in einem hochtechnologisierten
Land wie Japan keine hundertprozentige Sicherheit für Atomkraftwerke
gilt. Energiepolitische Konsequenzen wurden nur in Einzelfällen
gezogen. Eine Debatte darüber, wie der steigende Energiehunger zu
stoppen wäre, ist ganz ausgeblieben. Zu gut konnte die internationale
Wirtschaftskrise als dringlicheres Thema herhalten.
Auch in Japan. Die ehemalige Exportnation ist hoch verschuldet und
leidet unter einem seit dem Beben vom 11. März 2011 und dem Tsunami
stark gestiegenen Handelsdefizit. Nach dem Unglück gingen alle 50
AKWs, die ein Drittel des Stroms erzeugten, vom Netz. Zwei sind
wieder in Betrieb. Der neue Premier Shinzo Abe hat verkündet, den von
seinem Vorgänger versprochenen Atomausstieg abzublasen. Proteste
folgten. Auch vor dem Jahrestag der Katastrophe demonstrierten
zehntausende Menschen gegen die Atomkraft - Bilder, die man früher
aus Japan nicht kannte.
Doch die Bevölkerung plagen auch andere Probleme: 160.000 Menschen
leben noch in provisorischen Unterkünften. Die Angst vor den Folgen
radioaktiver Strahlung zermürbt sie, psychische Probleme sind
weitverbreitet. Dagegen hilft auch wenig, dass die
Weltgesundheitsorganisation die gesundheitlichen Strahlenschäden
außerhalb der Sperrzone als kaum erkennbar einschätzt. Auch andere
Daten kursieren. Und zu häufig hat AKW-Betreiber Tepco nach dem
Unglück Infos vertuscht.
Europa hat auch auf die Katastrophe reagiert. Ein bisschen. Bei den
Stresstests, die in der EU an jedem Meiler stattfanden, blieben viele
heikle Punkte ausgespart: Thema der Tests war, wie sehr die AKWs
Naturkatastrophen standhalten. Faktoren wie Materialabnutzung,
menschliche Fehler bei internen Abläufen, Brände und mögliche
Terroranschläge blieben unberücksichtigt. Eine verpasste Chance.
Dennoch wiesen bei den Tests alle AKWs Mängel auf. Welche
Konsequenzen daraus folgen, liegt aber ganz in den Händen der
Einzelstaaten. Die EU kann nur unverbindliche Empfehlungen abgeben.
Deutschland hat den radikalsten Weg eingeschlagen: Abdrehen bis 2022.
Wobei der Ausstieg schon beschlossene Sache war, wenn Kanzlerin
Angela Merkel auch den Zeitpunkt erst kurz zuvor noch nach hinten
verschoben hatte. Klagen von Kraftwerksbetreibern, Streitereien um
die Kosten und Kritik am erhöhten CO2-Ausstoß durch Kohlekraftwerke
sind die Folge. Aber es gehen Meiler vom Netz. Auch die Schweiz und
Belgien fixierten unter dem Eindruck der Katastrophe den Ausstieg -
in den 2030er-Jahren soll es so weit sein.
Diese Beispiele könnten den Eindruck erwecken, dass Atomkraft langsam
abnimmt. Dem ist aber nicht so. Areva zum Beispiel,
Atomtechnik-Marktführer in Europa, hatte 2012 deutliche
Umsatzsteigerungen. Es wird nicht nur viel nachgerüstet, sondern auch
neu gebaut. Pläne dafür gibt es nicht nur in Europa - zum Beispiel in
Großbritannien, Tschechien und auch Polen, das noch gar keine AKWs
hat. Auch in den USA und dutzendweise in China.
Japans Premier Abe hat ebenso angekündigt, neue Meiler zu errichten.
Dass wirtschaftliche Notwendigkeiten und Lobbys bestimmen, wo es in
Energiefragen langgeht, daran hat das Unglück von Fukushima auch dort
nichts geändert.
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