• 08.03.2013, 09:45:31
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2 Jahre Fukushima: Offener Brief der Grünen an japanische Regierung

Glawischnig, Brunner: Gedenken an die Opfer, Sorge um Wiedereinstieg in Atomkraft

Utl.: Glawischnig, Brunner: Gedenken an die Opfer, Sorge um
Wiedereinstieg in Atomkraft =

Wien (OTS) - Die Grünen werden heute bei einer Gedenkveranstaltung
vor der japanischen Botschaft in Wien den Opfern der Erdbeben- und
Tsunami-Katastrophe in Japan von vor zwei Jahren gedenken und an die
japanische Regierung appellieren, vom derzeit diskutierten
Wiedereinstieg Japans in die Atomkraft Abstand zu nehmen und
stattdessen auf die grüne Energiewende zu setzen. Bundessprecherin
Eva Glawischnig und Umweltsprecherin Christiane Brunner richten dazu
einen offenen Brief an den japanischen Premierminister:

Sehr geehrter Herr Premierminister Shinzo Abe,

Japan und Österreich verbindet eine langjährige tiefe Freundschaft.
Vor diesem Hintergrund erlauben wir uns, Ihnen in der wichtigen Frage
der Zukunft der Energieversorgung unsere Anliegen und Sorgen zu
übermitteln.
Vor zwei Jahren, am 11. März 2011, wurde Japan von drei schweren
Katastrophen getroffen. Etwa 16.000 Menschen sind durch das
Tohoku-Erdbeben und durch Tsunamis ums Leben gekommen. Es wird noch
lange dauern, bis die wirtschaftlichen Schäden aufgearbeitet und die
seelischen Wunden verheilt sind. Die dritte Katastrophe, der
Super-GAU von Fukushima, wird Japan noch viel länger belasten. Große
Regionen Japans wurden radioaktiv verstrahlt, 200.000 Menschen haben
ihre Heimat verloren. Wir möchten den Menschen in Japan, die von
dieser schrecklichen Katastrophe betroffen waren bzw. sind auf diesem
Wege unser tiefstes Mitgefühl aussprechen.

Ist es das Risiko wert?

Mit großer Sorge beobachten wir die aktuelle Diskussion in Japan über
eine Fortsetzung der Energiegewinnung aus Atomkraftwerken. Der
Super-GAU von Fukushima hat der Welt neuerlich gezeigt, dass
Atomkraft vom Menschen nicht kontrolliert werden kann. Wir möchten
Japan nicht dafür anklagen, dass es vor der Katastrophe von Fukushima
sehr stark auf Atomkraft gesetzt hat. Wir stellen aber in Frage, ob
es wirklich verantwortbar ist, weiterhin ein solches Risiko
einzugehen. Warum will die japanische Regierung die derzeit
abgeschalteten Atomkraftwerke wieder in Betrieb nehmen, obwohl die
letzten zwei Jahre gezeigt haben, dass Japan sich auch ohne Atomkraft
mit Energie versorgen kann?
Die österreichische Umweltorganisation Global 2000 und ihre Partner
Friends of the Earth Japan haben auch dort noch radioaktive Strahlung
nachgewiesen, wo bereits Dekontaminierungsarbeiten durchgeführt
wurden. Auch auf Kinderspielplätzen wurde erhöhte Strahlung
nachgewiesen. Nach offiziellen Angaben haben 40 Prozent der
untersuchten Kinder und Jugendlichen in der Präfektur Fukushima
Missbildungen an der Schilddrüse. Wie erklären Sie diesen 56.000
kranken Kindern, dass die Atomkraftwerke wieder in Betrieb genommen
werden sollen? Wir ersuchen Sie, sich für den Schutz der Betroffenen
einzusetzen und eine umfassende medizinische Betreuung anzubieten.
Verstrahlte Gebiete sollten nicht voreilig wieder freigegeben, die
Gesundheit der Menschen Vorrang haben.

Warum müssen Atomkonzerne nicht für Schäden haften?

Wer einen Schaden anrichtet, haftet auch dafür. Dieses weltweit
gültige Prinzip gilt nicht für die Atomkraft. Der Super-GAU von
Fukushima hat zig Billionen Yen (hunderte Milliarden Euro) an Schäden
angerichtet. Warum war Tepco nicht ausreichend versichert? Warum
haben die Konzerne, die das AKW Fukushima gebaut haben - General
Electric, Toshiba und Hitachi - bisher keinen einzigen Yen gezahlt?
Warum bekommen viele Betroffene nur sehr wenig Unterstützung? Und
warum wird diese Unterstützung aus Steuergeldern bezahlt?
Nicht nur in Japan, auch in der EU ist die Atomindustrie von der
Haftung weitgehend ausgenommen. Die immensen Schäden eines Super-GAU
sind nicht versichert. In unseren EU-Nachbarländern sind die
Atomhaftungen begrenzt, zwischen 75 Mio. Euro in der Slowakei bis 300
Mio. Euro in Tschechien. In Deutschland haften die AKW-Betreiber mit
ihrem Gesellschaftervermögen, das oft auch nur einige hundert
Millionen Euro ausmacht. Diese Summen reichen nicht einmal bei einem
"kleinen" Atomstörfall aus, um die Schäden abzudecken. Wäre die
Atomindustrie ordentlich versichert, wäre Atomstrom die teuerste
Energie. Wir Grünen haben gegen diese Bevorzugung bereits eine
Beschwerde bei der EU-Kommission eingelegt.

Der Atomausstieg ist möglich - Japan kann der Welt ein Vorbild sein

Wie Sie wahrscheinlich wissen, steht in Österreich das sicherste
Atomkraftwerk der Welt. Das AKW Zwentendorf wurde 1978 fertig gebaut,
aber nach einer Volksabstimmung niemals in Betrieb genommen. Sehr
geehrter Herr Premierminister, wir ersuchen Sie: setzen Sie sich
dafür ein, dass auch in Japan die Stimmen der Menschen gehört werden,
die eine Energieversorgung ohne Atomkraft wollen. Ihr Land hat
bereits gezeigt, dass es auch ohne Atomkraft auskommen kann. Es ist
möglich, auch langfristig eine gute Lebensqualität und hohe
Wirtschaftsleistung mit grüner, sauberer Energie zu gewährleisten.
In Japan sind derzeit nur zwei Atomkraftwerke in Betrieb. Wir
ersuchen Sie: starten Sie ein großes Wiederaufbau-Programm mit 100
Prozent Erneuerbaren Energien. Mit Wind-, Wasser-, Bio- und
Sonnenergie kann Japan gefahrlos ausreichend Strom produzieren.
Zusätzlich können so viele neue Arbeitsplätze geschaffen, neue
Technologien entwickelt und die Menschen an der Energiewende
beteiligt werden. Japan könnte unabhängig von importiertem Uran und
fossilen Brennstoffen werden und so ein weltweites Vorbild sein.

Mit vorzüglicher Hochachtung,

Dr. Eva Glawischnig
Bundessprecherin der Grünen

Christiane Brunner
Umweltsprecherin der Grünen

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