- 01.02.2013, 18:56:13
- /
- OTS0247 OTW0247
DER STANDARD-Kommentar: "Wir sind Dorfkaiser" von Fritz Neumann
"Sommer oder Winter? Die Wiener Olympia-Frage hat viel mit der Ski-WM zu tun"; Ausgabe vom 02.02.2013
Utl.: "Sommer oder Winter? Die Wiener Olympia-Frage hat viel mit der
Ski-WM zu tun"; Ausgabe vom 02.02.2013 =
Wien (OTS) - Wir sind wir, und wir sind auch wer. Nämlich - manchmal
- die Schnellsten und Besten der Welt. An der Ski-WM in Schladming,
sie wird am Montag eröffnet, wird sich der österreichische
Nationalstolz aufrichten wie selten zuvor. Die an Reichweite
führenden Medien des Landes fahren längst auf der
Patriotismusschiene, von der sie in den nächsten Wochen nicht mehr
abbiegen werden. Die Kronen Zeitung als Partner des Skiverbands (ÖSV)
und die Kleine Zeitung als Partner der Weltmeisterschaft werden sich
ein Duell auf Biegen und Brechen liefern, dagegen ist Marcel Hirscher
gegen Ted Ligety ein Spaziergang. Der ORF, obwohl konkurrenzlos, ist
hurra-patriotisch in dieselbe Richtung unterwegs, Endstation
Volksnähe.
Im Ennstal werden die Folgen dieser WM viele Jahre lang zu spüren
sein. Die Schladminger, 4500 an der Zahl, hoffen auf steigende
Einnahmen durch höhere Nächtigungszahlen. Allerdings haben sie es
verabsäumt, bei ihrer Masse an Gästebetten, 4300 an der Zahl, auch
für Klasse zu sorgen. Die Stadt verfügt über wenige
Vier-Sterne-Hotels und kein einziges Fünf-Sterne-Haus. Das
Schladminger Minus, und das ist nur die offizielle Berechnung, wird
mit Jahresende 13,8 Millionen Euro betragen, der Verschuldungsgrad
ist binnen sieben Jahren von 7,85 auf 13,83 Prozent geklettert. Das
ebenfalls alles andere denn auf Rosen gebettete Land Steiermark soll
noch ein Darlehen von sechs Millionen Euro schultern.
So gesehen klingt es in steirischen Ohren recht g'fernzt, wenn
ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel erklärt, der Verband als
Veranstalter trage das volle WM-Risiko. Schröcksnadel gibt, je nach
Bedarf, den hemdsärmeligen Kumpel oder den beinharten Geschäftsmann.
Sein Dorf ist der Winter, da ist es fast logisch, dass der Dorfkaiser
dem Wiener Hirngespinst von Olympischen Sommerspielen nichts
abgewinnen kann. Schröcksnadel propagiert lieber Winterspiele in und
um Wien, liegt damit auch näher an der Realität. Die Größenordnung
von Sommerspielen würde österreichische Dimensionen sprengen. Wien,
diese schöne und lebenswerte Stadt, ist im sommerolympischen Maßstab
ein Dorf.
Für beinharte Hemdsärmeligkeit respektive hemdsärmelige Härte steht
auch dessen Kaiser, Bürgermeister Michael Häupl. Seine Partnerschaft
mit der Kronen Zeitung ist halt weniger offiziell. Soll sich Wien um
die Austragung Olympischer Sommerspiele (2028) bemühen, fragt er die
Wiener, obwohl eine etwaige Bewerbung, sei es im Sommer oder im
Winter, keine Wiener Frage wäre, sondern eine bundesweite. Kein
Wunder jedenfalls, dass sich steirische Touristiker schon auf
Schröcksnadels Seite schlagen und von einer Bewerbung für
Winterspiele mit Zentrum Wien träumen. Da ließe sich sogar die
WM-Stadt Schladming einbauen, und vielleicht würden sich die nun
getätigten Investitionen dann wirklich rechnen, so lauten die
Überlegungen.
Winterspiele kosten einen Bruchteil von Sommerspielen. Doch was, wenn
Wien im März dem Sommer eine Absage erteilt? Hat dann auch der Winter
auf ewig keine Chance? Oder gibt es die nächste, sieben Millionen
Euro teure Volksbefragung? Allein die Bewerbung, mit der London 2005
den Zuschlag für die Spiele 2012 erhielt, kostete mehr als 20
Millionen Euro, mittlerweile hätte man damit kein Leiberl mehr. Es
sind die Bürger, die das bezahlen. Und nicht die Kaiser.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PST






