• 26.12.2012, 18:09:38
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Die Presse - Leitartikel: "Bildungsreform ja, aber nicht mit meinem Kind", von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 27.12.2012

Utl.: Ausgabe vom 27.12.2012 =

Wien (OTS) - Die Bildungsbürger haben ihr Vertrauen in das
öffentliche Schulsystem verloren. Der Fokus liegt schon zu lang nur
auf der Förderung benachteiligter Schichten.

Wer glaubt, dass das österreichische Bildungssystem nur unter den
migrantischen Parallelgesellschaften leidet, der hat wohl noch nie
einen "Tag der offenen Tür" an einer Wiener Privatschule besucht.
Denn dort haben jene einheimischen Jungeltern, die es sich leisten
können, längst ihre eigene Parallelgesellschaft errichtet. In der
ersten Reihe sitzen da Mütter mit quengelnden Babys im Tragetuch, um
ebendiese - der Andrang ist bekanntlich groß - "zur Sicherheit jetzt
schon" für das Schuljahr 2018/19 anzumelden. Und allen Ernstes die
Frage zu stellen, ob "das Lernen an dieser Schule Spaß machen soll -
oder die Kinder eh ordentlich aufs Gymnasium vorbereitet werden". Ja,
das ist ein realer Fall. Und: nein, kein Einzelfall.
Es ist dies die Parallelgesellschaft der "neuen Bildungsbürger". Sie
sind der Inbegriff jener Mittelschicht, die angesichts des steigenden
gesellschaftlichen Drucks in Panik verfällt. Der deutsche Soziologe
Heinz Bude diagnostizierte bei ihnen in einem "Presse"-Interview
zuletzt so treffend eine "grassierende sozialmoralische
Ansteckungsangst". Angst davor nämlich, ihre Kinder mit anderen in
die Schule zu schicken, deren Eltern weniger Wert auf das legen, was
sie unter Bildung verstehen. So wie sie Angst vor allem haben, was
potenziell den Wert dieser Bildung mindern könnte. Bildung, sagt
Bude, sei das Einzige, was diese Eltern - mangels großer Häuser,
Firmen oder gesellschaftlichen Einflusses - ihren Kindern vererben
können. "Und sie werden alles tun, damit dieses Erbe nicht gemindert
wird." Besser lässt es sich kaum formulieren.
Dass diese Eltern in ihrem Vorhaben, positiv formuliert, Erfolg
haben, belegt jede Statistik. Wenn in Österreich etwas vererbt wird,
dann ist es Bildung. Dass damit zugleich auch Unbildung vererbt wird,
muss man dazusagen. All jene, die an dieser Stelle gern einwenden,
dass es wohl die Intelligenz sei, die da weitergegeben werde, sind zu
enttäuschen. Es sind vor allem die familiären und sozialen
Rahmenbedingungen, die in Österreich über den Bildungsweg
entscheiden. Oftmals mehr als die Leistung des Einzelnen. Das zeigt
sich nicht zuletzt, wenn man die Ergebnisse sogenannter "guter"
Schulen um die sozialen Rahmenbedingungen ihrer Schülerpopulation
bereinigt. Die Erkenntnis schmerzt, daher tun wir sie gern als
Ausfluss linker Gleichmacherei ab.
Dass sich Eltern um die Bildungskarriere ihres Nachwuchses sorgen,
soll hier freilich nicht zum Problem stilisiert werden. Im Gegenteil.
Wenn die Alternative darin liegt, das eigene Kind in eine öffentliche
Schule zu schicken, in der der Migrantenanteil bei - wie in einigen
Wiener Bezirken - bis zu 89 Prozent liegt, dann ist das schlicht
keine Alternative. Sein Kind wohlbehütet im privatschulischen
Mikrokosmos unterrichten zu lassen, erscheint da plötzlich nicht
chic, sondern unerlässlich. Dass dieser Mikrokosmos, in dem Migranten
höchstens in Gestalt von Botschafterkindern auftauchen, so gar nichts
(mehr) mit der gesellschaftlichen Realität zu tun hat, ist das andere
Problem. Um zu erkennen, dass sich die Schere zwischen gut gebildet
und ungebildet damit immer weiter öffnet, muss man kein Anhänger der
Klassenkampftheorie sein. Dass diese Schere zum Problem wird, liegt
daran, dass wir von jener Generation sprechen, die in zwanzig Jahren
maßgeblich über die Zukunft dieses Landes bestimmen wird.

Dass es Reformen braucht, das wissen auch die verängstigten
Bildungsbürger. Wäre da nur nicht das eigene Kind, das von ebendiesen
Reformen bitte verschont bleiben möge! Denn die Eltern haben das
Vertrauen in das öffentliche Schulsystem längst verloren. Die
SPÖ-Schulpolitik hat sich in den vergangenen Jahren zu sehr darauf
versteift zu erklären, wie man schwache, benachteiligte Schüler
auffangen könne. Und dabei vergessen, allen anderen Gruppen zu
erklären, wie man ihren - vergleichsweise hohen - Standard
gleichzeitig halten und ausbauen will. Viele Eltern wurden in ihrer
Angst vor der "Nivellierung nach unten" schlicht alleingelassen.
Eine Reform, deren Ziel mehr Chancengerechtigkeit ist, muss aber
(auch) an den oberen Gliedern der Kette ansetzen. Sie muss den
Bildungsbürgern klarmachen, dass ein Auffangen Benachteiligter nicht
mit ihrem eigenen Niedergang einhergeht. Parallelgesellschaften sind
nie förderlich. Egal, wer sie einrichtet.

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