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OTS0027   23. Dez. 2012, 19:54

"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Die Hirten und was wir von ihnen lernen können" (Von Stefan Winkler)

Ausgabe 24.12.2012


Sie hatten allen Grund, mutlos zu sein, waren es aber nicht.

Es ist ein mächtiger Imperativ, der uns da seit zwei Jahrtausenden jedes Jahr zu Weihnachten entgegenschallt. "Fürchtet euch nicht", ruft der Engel in der Erzählung des Evangelisten den Hirten zu.

Wer den Blick auf die Welt richtet, findet Gründe genug, um angstvoll in die Zukunft zu blicken: der Kindermord von Newtown, das Gemetzel in Syrien, der Raubbau an Mutter Erde und das bloße Faktum, dass jeder siebte Weltbewohner Hunger leidet - das alles steht der Frohbotschaft von der Geburt des Kindes von Betlehem diametral entgegen und straft alle Aufrufe zur Unerschrockenheit Lüge.

Auch über Europa haben sich dunkle Schatten gelegt. Lange schien es, als könnte der Kontinent, dessen Einigung seinen Bewohnern über 60 Jahre Friede und Wohlstand sicherte, allen Stürmen der Zeit trotzen. Satte Wachstumsraten hoben das Lebensgefühl der Europäer in lichte Höhen. Mit seinem historisch gewachsenen Wertepluralismus, der Freiheit seiner Bürger und seinem auf der sozialer Marktwirtschaft gründenden Reichtum war Europa vielen in der Welt ein Leuchtfeuer der Zivilisation.

Doch das ist Geschichte. Die Krise hat Europas Antlitz verändert. Die Obdachlosen auf den Straßen von Athen und Madrid, die Wutbürger von Laibach, Lissabon und Rom und die allerorten steigende Gewaltbereitschaft sind Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft aus der Balance gerät.

Gehörte das letzte Jahrzehnt einer frivolen Belle-Epoque-Stimmung, die nach den Worten des Philosophen Peter Sloterdijk den Adlerflug der Gier über ungeheure Landschaften von Gewinnen erst erlaubte, so dominieren nun Angst und ein Gefühl von Verlorenheit. Wo wie in Salzburg auch noch die Politik zu feige ist, für verspekulierte Steuermillionen geradezustehen, kippt die kollektive Verunsicherung in den Volkszorn, um etwas Eigentliches betrogen worden zu sein. Nur sind Gier und Maßlosigkeit keine ausschließlichen Laster unserer Zeit. Korrupte Politiker, schamlose Bereicherung und der unbarmherzige Druck der römischen Steuereintreiber gehörten auch zum Alltag der Zeitgenossen Jesu.

Dass die Hirten ungeachtet aller Widrigkeiten ihre Herden verlassen und mitten in der Nacht nach Betlehem eilen, um ein Kind in der Krippe zu finden, macht mit die geheimnisvolle Kraft der Weihnachtserzählung aus. Die Hirten führen vor, dass man sich in entscheidenden Momenten freimachen muss von Ängsten und Sorgen. Ihre nonkonformistische Furchtlosigkeit sollte uns, ob gläubig oder nicht, ein Vorbild sein. ****

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