• 20.12.2012, 18:32:55
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"Die Presse"-Leitartikel: Das geringe Wachstum ist nicht das große Problem, von Jakob Zirm

Ausgabe vom 21. Dezember 2012

Utl.: Ausgabe vom 21. Dezember 2012 =

Wien (OTS) - Der nicht nachhaltige Boom des vorigen Jahrzehnts ist
für lange Zeit Geschichte. Das wäre keine Tragik, würden die Staaten
endlich ihre Strukturen anpassen.

Es sind freudige Nachrichten, die die Wirtschaftsforscher von Wifo
und IHS wenige Tage vor dem Weihnachtsfest mitteilen: Es geht wieder
bergauf. Die Talsohle der zweiten Krise ist durchschritten. Ab dem
kommenden Jahr werden die Österreicher nicht nur mehr produzieren als
heuer. Der Zuwachs wird auch um bis zu 0,4 Prozentpunkte größer
ausfallen als jener im heurigen Jahr. Hosianna!
Kritische Zeitgenossen könnten nun einwenden, dass ein halbes Prozent
Wachstum auf dem Papier in der Realität allein schon durch
statistische Schwankungen überdeckt sein dürfte. So wird etwa das
nominelle BIP durch einen sogenannten Deflator ins reale BIP
umgewandelt. Dadurch soll der Einfluss der Inflation bereinigt
werden. Allerdings liegt dieser Deflator deutlich unter dem
Verbraucherpreisindex, mit dem normalerweise die Inflation gemessen
wird. Würde dieser Index beim BIP angewandt, wäre das Wachstum
regelmäßig um rund einen Prozentpunkt niedriger. Man sieht also:
Jeder Wert hinter dem Komma ist bei Berechnungen des BIPs ein Fall
für die ökonomische Glaskugel.
Grundsätzlich wollen wir aber - nicht zuletzt aufgrund der Jahreszeit
- den Ökonomen Glauben schenken, dass zumindest die Tendenz wieder in
Richtung mehr Wachstum zeigt. Aber selbst die Hüter der Konjunktur
schränken dabei ein: So wie einst wird es nicht mehr. Auch
längerfristig werde das Wachstum deutlich unter jenen Werten bleiben,
die wir vor Ausbruch der Krise vor vier Jahren noch als vollkommen
normal angesehen haben.
Das ist auch kein Wunder. So war der Boom in den Jahren vor 2008 ein
ähnlich übertriebener Ausreißer wie der wirtschaftliche Einbruch
danach. Das zeigt etwa der Blick nach Spanien, das zurzeit mit einer
Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent schockiert. Was dabei vielfach
vergessen wird: In Spanien war eine Arbeitslosigkeit auf diesem
Niveau bis zur Jahrtausendwende das normale Maß. Nur in den wenigen
Jahren danach wurde sie durch tausende neue Jobs in der Baubranche
nach unten gedrückt. Der dahinter stehende Bauboom war aber auf Sand
gebaut.
Auch in der Finanzwirtschaft sorgte die "Anything goes"-Mentalität
der Nullerjahre für einen rasanten Boom, der andere Branchen mit nach
oben zog. Dabei verbrannten sich aber nicht nur viele Gemeinden die
Finger, weil sie Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann geglaubt
hatten, dass eine jährliche Rendite von 25 Prozent kein Problem sei.
Der Kater nach der großen Party machte sich auch beim BIP bemerkbar,
weil die einst - auch hierzulande - boomende Finanzbranche nun ins
Bodenlose fiel.

In diesem Jahrzehnt dürfte also alles ein wenig kleiner und sparsamer
ablaufen. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob - siehe Inflation -
überhaupt noch von realem Wachstum die Rede sein kann. Grundsätzlich
wäre das aber ein absolut beherrschbares Problem. Wenn sich alle
Beteiligten darauf einstellen und entsprechend handeln würden.
Die Bürger machen dies bereits. So wurde der Konsum relativ lange
durch eine Senkung der Sparquote konstant gehalten. Nun passen die
Menschen ihre Kaufgewohnheiten entsprechend den neuen Verhältnissen
an, wie das reale Minus im diesjährigen Weihnachtsgeschäft zeigt.
Auch die Firmen haben schon längst darauf reagiert - und ihre
Strukturen verschlankt.
Bisher noch viel zu wenig gemacht hat aber "Vater Staat". Zwar gab es
in vielen Behörden einen Aufnahmestopp und im Frühjahr ein
Konsoldierungspaket, das in die richtige Richtung ging. Wirklich
weitreichende Reformen bei Pensions- oder Gesundheitssystem oder gar
dem Föderalismus beschloss diese sich dem Ende zuneigende "Koalition
der großen Mehrheiten" jedoch nicht.
Da aber gerade solche grundlegenden Reformen sehr lange dauern, ist
frühes Eingreifen wichtig. Was passiert, wenn im letzten Moment das
Ruder herumgerissen werden muss, zeigt das Beispiel Griechenland, in
dem die harten Maßnahmen zurzeit eine verlorene Generation
produzieren. Hierzulande werden inzwischen aber sogar wieder auf Pump
finanzierte Geschenke an Wählergruppen wie die Pendler verteilt. Es
ist zu befürchten, dass sich das im Wahljahr 2013 nicht ändern wird.

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