• 16.12.2012, 17:58:20
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"Die Presse" Leitartikel: Teilzeit als Sackgasse? Das gilt längst nicht für alle, von Jeannine Hierländer

Ausgabe vom 17.12.2012

Utl.: Ausgabe vom 17.12.2012 =

Wien (OTS/Die Presse) - Viele Österreicher sind gern "atypisch"
beschäftigt. Der Staat kann Menschen nicht zwingen, mehr zu arbeiten.
Aber er kann dafür sorgen, dass sie es freiwillig tun.

Die erste Nachricht ist unbestritten gut: Die Beschäftigung steigt in
Österreich trotz Krise weiter. Zwischen Juli und September fanden
zusätzlich 51.000 Menschen eine unselbstständige Arbeit, teilte die
Statistik Austria in der Vorwoche mit. Die zweite Nachricht gibt da
schon mehr Grund zum Streiten: Die meisten Arbeitsplätze - knapp
37.000 - waren Teilzeitjobs und wurden fast nur von Frauen
aufgenommen. Während in den rund 15.000 neuen Vollzeitjobs nahezu
ausschließlich Männer arbeiten.
Für die Gewerkschaft ist der Fall klar. Frauen würden in die
Teilzeitarbeit gedrängt. Wer freiwillig auf Teilzeit umsteige, müsse
daher das Recht bekommen, nach einer gewissen Zeit zur Vollzeit
zurückzukehren, fordern die ÖGB-Frauen. Dabei dürfen sie auf die
Unterstützung von SPÖ-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek
zählen, die der Teilzeit den Kampf angesagt hat. Teilzeit, so die
Ministerin, dränge die Frauen in eine Sackgasse, aus der es nur
schwer ein Zurück gebe. Deshalb will sie sie aus der womöglich auch
noch freiwillig gewählten Falle befreien.
Es stimmt: Seit einigen Jahren werden überwiegend Teilzeitstellen
geschaffen. Das ist eine normale Entwicklung in einer
Wirtschaftskrise. Wenn es mit der Wirtschaft wieder ernsthaft
aufwärts geht, entstehen in der Regel auch wieder mehr Vollzeitjobs.
Es ist daher unlogisch, diese Entwicklung zu verurteilen - oder die
Schuld allein den Unternehmen in die Schuhe zu schieben. Es gibt
nämlich einige Indizien, dass die Zunahme an Teilzeitjobs vielen
Menschen gar nicht so ungelegen kommt, weil sie ganz gern "atypisch"
beschäftigt sind. Und sich nicht als die Opfer sehen, als die sie
gerne dargestellt werden. Das - eher linke, also unverdächtige -
Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat erhoben, dass in
Deutschland nur ein Fünftel der Teilzeitarbeiter lieber Vollzeit
arbeiten möchte. In Österreich gar nur ein Achtel.
Ähnliche Daten liefert eine Studie, die das Sozialministerium in
Auftrag gegeben hat. Sie untersuchte die Situation der geringfügig
Beschäftigten in Österreich. Also Menschen, die keine 30 Euro am Tag
verdienen. Trotzdem sagten 80 Prozent, sie würden ein "normales"
Arbeitsverhältnis nicht bevorzugen. Weil die meisten das Geld zur
Pension, zum Studium oder zum Arbeitslosengeld dazuverdienen. Würden
sie mehr arbeiten, fielen diese Transferleistungen weg.
Atypisch beschäftigt sind auch viele Ein-Personen-Unternehmen und die
"neuen Selbstständigen". Es gibt zwischen 240.000 und 320.000, je
nach Definition. Viele von ihnen wollen nicht wachsen, sondern nur in
Ruhe und ohne Chef ihrer Arbeit nachgehen. Obwohl die Hälfte der
heimischen Selbstständigen weniger als 11.000 Euro im Jahr verdient,
wollen immer mehr Österreicher so arbeiten. Und über die Hälfte der
Gewerbetreibenden sind Ein-Personen-Firmen.

Manche Menschen verzichten eben gern auf Geld, um weniger zu
arbeiten. Das zeigt auch der Boom der Bildungskarenz. Die Nachfrage
hat sich in den Krisenjahren mehr als vervierfacht. Obwohl das
Einkommen dabei auf rund 60 Prozent sinkt. Sogar das AMS, das eher
schlechter Qualifizierte vermittelt, berichtet von einer Nachfrage
nach Teilzeitjobs, die das Angebot deutlich übersteigt.
Teilzeitarbeit ist ein Privileg der reichen Wohlfahrtsstaaten.
Weniger arbeiten kann eben nur, wer es sich leisten kann.
Und das sind in Österreich einige. Wer Glück hat, reduziert seine
Arbeitszeit um die Hälfte und verdient netto nur ein Drittel weniger.
Und bekommt dafür viel "Qualitätszeit", die er verwenden kann, wie er
will: für ein Studium, die Familie oder zum Entspannen. Wer sein
Einkommen mit Transferleistungen aufbessern kann, steigt überhaupt
besser aus. Auch, weil in Österreich erst Einkommen ab 11.000 Euro
(Bemessungsgrundlage) besteuert werden.
Es ist nicht die Aufgabe von Politik und Interessenvertretungen,
Arbeitnehmern 40-Stunden-Jobs zu verordnen. Oder Firmen zu zwingen,
mehr davon zu schaffen. Sie sollten sich besser darum kümmern, dass
mehr Arbeit auch deutlich mehr Geld bringt. Der Staat kann Menschen
nicht dazu zwingen, mehr zu arbeiten. Aber er kann dafür sorgen, dass
sie es freiwillig tun.

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