• 15.12.2012, 18:03:41
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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Worüber man reden muss, wenn Worte fehlen", von Ulrike Weiser

Ausgabe vom 16.12.2012

Utl.: Ausgabe vom 16.12.2012 =

Wien (OTS) - Am Tag nach dem Amoklauf an einer Volksschule in den USA
beginnt die Debatte über das Waffengesetz. Die Medien müssen sich
aber auch über ihre Berichterstattung Gedanken machen.

"Unsere Herzen sind gebrochen." Es war ein Moment, an den man sich
erinnern wird: Barack Obama, wie er sich den Augenwinkel wischt. Bei
Tragödien wie diesen neidet man den Amerikanern den Hang zur verbalen
Emotion. Denn andere Worte als ganz große versagen hier. Nüchtern
lässt sich der Mord an 26 Menschen, davon 20 Kinder, nicht
beschreiben.
Und doch gibt es Dinge, die man nun nüchtern diskutieren muss. Es
sind die erwartbaren - wobei: Dieses Mal ist es eine Spur anders. Das
betrifft zunächst die schon im Gang befindliche Debatte über das für
EU-Verhältnisse liberale Waffengesetz in den USA. Die Diskussion gab
es zwar bis jetzt noch nach jedem "school shooting" - aber ohne
größere Konsequenzen. Doch so viele so junge Opfer wie jetzt gab es
auch noch nie. Dazu kommt, dass sich Obama in seiner zweiten Amtszeit
befindet: Er muss keine Wahl mehr gewinnen. Er könnte es wagen, sich
mit der National Rifle Association anzulegen. Ob er es macht, bleibt
dennoch fraglich. Waffen sind Teil der US-Alltagskultur und ihrer
Idee von Freiheit. Jenen, die mit den Konsequenzen der leichten
Zugänglichkeit von Waffen argumentieren - Motto: "Gelegenheit macht
Mörder" -, wird entgegengehalten, dass die "Guten" bewaffnet sein
müssen, um sich gegen die "Bösen" zu wehren, die, legal oder nicht,
bewaffnet sind.
Praktischerweise haben beide Seiten Studien über den
(Nicht-)Zusammenhang von Waffengesetzen und solchen Verbrechen zur
Hand. Was man nicht leugnen kann: Auch in Ländern mit strengen
Gesetzen wie Deutschland gab es Amokläufe (dort existieren bereits
Routinenotfallpläne an Schulen), aus der liberalen Schweiz hört man
weniger. Österreichs Gesetz ist übrigens im Vergleich sehr streng -
und das ist gut so.
Trotzdem betrifft die zweite Debatte, die sich auftut, auch uns. Es
geht um die prinzipielle Frage, wie man medial mit solchen
Ereignissen umgeht. Denn die mediale Aufarbeitung wird von den Tätern
beklemmend klar antizipiert: Schon 1999 fand man in den Notizen eines
der Schützen des Massakers an der Columbine Highschool sozusagen eine
Vorabkorrektur: Alles ist meine Schuld. Nicht die meiner Eltern, . .
. nicht die meiner Lieblingsbands, der Computerspiele . . . Die
Schuld liegt bei mir." Vom Täter von Newtown ist (noch) kein
Abschiedsbrief bekannt, aber - intelligent, wie er trotz psychischer
Krankheit angeblich war - wird er geahnt haben, was nun besprochen
wird. Vielleicht - es ist auch nicht allzu schwierig - bis in die
Details: dass es immer die auffällig unauffälligen jungen
Mittelschichtmänner wie er sind. Die Chance, dass er darüber
nachgedacht hat, ist jedenfalls groß. Laut Studien ist die Hälfte
aller Amokläufer Nachahmungstäter. Oft findet die nächste Tat sogar
binnen zehn Tagen nach den ersten Medienberichten statt. Potenzielle
Täter können derzeit den Schock der Gesellschaft - multipliziert auf
allen Kanälen -, das fieberhafte Interesse am Täter genau verfolgen.
Sie sehen, wie sogar ein US-Präsident um Fassung ringt. In einer
Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit die wertvollste Währung ist, ist
das - pervertiert, aber trotzdem - eine Form von Macht.
Das Unbehagen der Medien über diesen Umstand ist überraschend neu. Es
kam eigentlich erst mit der krassen Selbstinszenierung des Täters von
Utoya und nach dem Amoklauf bei der US-Premiere des letzten
Batman-Films auf. Auf Initiative der Angehörigen der Opfer, die
wütend waren, weil alle bloß über den Täter sprachen, hielt man sich
bei der Berichterstattung über diesen zurück. Doch eine "Nennt ihn
nicht beim Namen"-Kampagne ist schwer durchzuhalten (diesmal sickerte
sogar zuerst der falsche Name, der des Bruders des Täters, durch;
gleichzeitig brachen auf Twitter Shitstorms gegen Leute mit dem
gleichen Nachnamen aus). Und es ist verständlich: Man ist neugierig,
will verstehen, gerade bei einem Thema, das so bewegend ist, wie es
nur sein kann. Trotzdem ist das Ringen um die richtigen Grenzen
wichtig. Und um die richtigen Worte. Nicht nur für US-Präsidenten.
Für alle.

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