• 01.12.2012, 18:11:39
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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Etwas zu intim", von Rainer Nowak

Ausgabe vom 02.12.2012

Utl.: Ausgabe vom 02.12.2012 =

Wien (OTS) - Eine Fibel zur sexuellen und gesellschaftspolitischen
Aufklärung sorgt bei Eltern und Teilen der Politik für Aufregung -
teils zu Recht, teils zu Unrecht.

Vergangene Woche haben wir es endlich wieder einmal geschafft: Auch
internationale Medien nahmen Notiz vom wichtigsten Kleinstaat der
Welt. Grund dafür war die Debatte um eine Sexbroschüre für Sechs- bis
Zwölfjährige, die Lehrer (und eben auch Eltern) bekommen (haben).
Die Diskussion lief wie folgt: Eltern beschwerten sich über die Fibel
"Ganz schön intim", in der detailliert über Sexualität informiert
wird. Darin würde die gute alte Familie nur abfällig zwischen Homoehe
und Transgender erwähnt und würden die Kinder zur Selbstbefriedigung
angeleitet. ÖVP, FPÖ und BZÖ stellten sich auf die Seite der
Kritiker, Grüne, SPÖ und natürlich das Gros der Bildungsexperten
hielten dagegen. Nur die Lehrergewerkschaft blieb zurückhaltend, aber
vermutlich tagten die Gremien, um die Abgeltung für die Mehrarbeit zu
verhandeln.
Eine Debatte wurde ausgelassen: Warum muss eigentlich ständig die
Schule, also die Ausbildungsstätte von Mama Staat, Kinder in allen
Lebensbereichen formen und erziehen? Kann es nicht die Aufgabe von
Eltern sein aufzuklären oder zu vermitteln, was gut und was nicht gut
ist?
Liest man die aufwendig produzierte und bemüht modern gestaltete
Broschüre, wundert man sich auf vielen Seiten über die ganze
Aufregung. Die Anleitung zur "Aufklärung" klingt genauso künstlich,
wie sie schon im Biologieunterricht vor Jahrzehnten war. Auch der
Hinweis beim Thema Selbstbefriedigung verblüfft: "Bitte nicht in der
Schule oder der U-Bahn vollziehen!" Danke, das musste einmal
geschrieben werden.
Dass seitenweise über Transgender informiert wird, passt ins Bild:
Betont fortschrittlich darf keine auch noch so kleine Gruppe
ausgelassen werden, immerhin produzieren hier Bildungsexperten für
Bildungsexperten. Genau dieser Punkt empört die Kritiker, die von der
Gegenseite als verstockte, konservative Gegner von berufstätigen
Frauen und Sex vor der Sponsion diffamiert werden. (Werner Amon und
die FPÖ wirken nicht gerade wie die besten Anwälte einer zeitgemäßen
Gesellschaftspolitik.)
In der Fibel heißt es wörtlich gedrechselt: "In jeder Klasse sitzen
Kinder, die in unterschiedlichsten Lebensformen verortet sind. Trotz
vieler Bearbeitungen von Schulbüchern und sonstigen Medien, die auf
die Diversitäten junger Menschen reagieren, hält sich das Bild der
klassischen Mutter-Vater-Kind-Familie als erstrebenswertes Ideal
hartnäckig . . ." Bearbeitungen? Hartnäckig? Das klingt schon ein
bisschen so, als würden die Autoren da bekennen: Wir haben mit der
Umerziehung begonnen, noch ist sie wegen der dummen Ideale nicht
gelungen, daher jetzt mit neuer Kraft und Fibel: Weg mit diesem
sinnlosen Bild.
Logischerweise führen dazu zwei Wege: den anderen "Lebensformen"
breiten Raum geben und als wünschenswert darstellen. (Wie geht das
eigentlich? "Gründet eine Patchwork-Familie, wenn das nicht
funktioniert, könnt ihr immer noch das langweilige
Spießerfamilienmodell wählen.") Variante zwei ist es, das alte Modell
zu diffamieren. Dass dies Kritik all jener hervorruft, die privat in
diesem Modell leben, kämpfen und häufig scheitern, ist logisch. Und
gut so.

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