- 30.11.2012, 18:37:59
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"Die Presse" - Leitartikel: Klimaschutz ist teuer, hoffentlich zahlen wir umsonst, von Jakob Zirm
Ausgabe vom 01.12.2012
Utl.: Ausgabe vom 01.12.2012 =
Wien (OTS) - Die Kosten des Klimaschutzes sind wie eine
Versicherungsprämie. Vielleicht werden wir einmal zu viel dafür
bezahlt haben. Das Risiko ist aber zu hoch, um nichts zu tun.
Klimaschutz kostet Geld - und zwar viel Geld. Das ist eine
unbestrittene Tatsache. Denn auch wenn sich Maßnahmen zur Erhöhung
der Energieeffizienz nach einigen Jahren selbst rechnen, bedeutet
eine Verringerung von CO2-Emissionen in der Regel höhere Kosten.
Einfacher und billiger wäre es, so weiterzumachen wie bisher: mit dem
Verbrennen von Öl, Gas und Kohle - jenen fossilen Energieträgern, die
seit Jahrzehnten verhältnismäßig günstig und zuverlässig unsere Autos
antreiben und unsere Wohnungen heizen.
Der Umstieg auf Elektromobilität, eine auf Sonne und Wind basierte
Stromerzeugung oder das Abscheiden und unterirdische Speichern von
CO2 bei konventionellen Kraftwerken bringt hingegen zusätzliche
Ausgaben und neue Mühen. So ist der grüne Strom bei den
Produktionskosten einfach noch nicht konkurrenzfähig und verursacht
aufgrund seines volatilen Aufkommens auch seit Jahrzehnten nicht mehr
bekannte Probleme bei der Versorgungssicherheit. Ähnlich die
Situation bei Elektroautos: Statt des gewohnten Komforts und großer
Reichweiten soll die Zukunft plötzlich in teuren Kleinwagen liegen,
die nicht einmal durch halb Österreich am Stück kommen?
Kein Wunder also, dass auch hierzulande immer mehr Menschen den
Klimaschutz als unnötige Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit
und Attacke auf ihre Geldbörse ansehen. Befeuert wird dieser
"Klimaskeptizismus" nicht zuletzt von in der Regel
pseudowissenschaftlichen Büchern und Internet-"Dokumentationen", die
den Klimaschutz als verschwörerische Abzocke globalen Ausmaßes
enttarnt haben wollen.
An Letzterem sind die professionellen Klimaschützer zwar nicht ganz
unschuldig, da sie jeden Hurrikan und jede Überschwemmung sofort
hysterisch mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht und dadurch
viele Menschen mit dem Thema übersättigt haben. Die Wissenschaft ist
sich in ihrem Urteil aber einig: Der Treibhauseffekt findet statt -
und zwar schneller als bisher erwartet. Und auch das angepeilte Ziel
einer Erwärmung von maximal zwei Grad dürfte kaum mehr zu erreichen
sein.
Das bedeutet natürlich nicht, dass bei einer Erwärmung um 2,01 Grad
die Welt untergeht. Allerdings bewegt sich der Planet dann langsam in
klimatologische Bereiche, die es zwar bereits einmal gegeben hat -
dies aber Millionen Jahre bevor erstmals Menschen auf dieser Erde
wandelten. Es kann somit niemand vorhersagen, wie groß die
Auswirkungen auf das menschliche Leben auf der Erde sein werden.
Relativ sicher ist, dass es weniger die großen TV-tauglichen Stürme
sind, die uns beunruhigen sollten. Viel problematischer sind die
zunehmende Wasserknappheit in Gegenden am Äquator und eine Versalzung
küstennaher Grundwasserreservoirs durch steigende Meeresspiegel.
Diese verhältnismäßig stillen Effekte könnten nicht nur zu
Wanderbewegungen großer Menschengruppen führen - sie könnten auch
unumkehrbar sein.
Spätestens hier kommen wieder Parallelen zur Ökonomie ins Spiel. Denn
in dieser ist es ganz normal, sich - bei nachvollziehbaren Kosten -
gegen zukünftige Risken abzusichern, deren Auswirkungen so groß sind,
dass sie nicht oder kaum verkraftbar wären. So gibt es kaum eine
Firma oder Privatperson, die ein größeres Gebäude nicht gegen Feuer
versichern lässt. Kaum ein Unternehmen sichert sich nicht gegen
außerordentliche Kostensteigerungen bei wichtigen Rohstoffen ab. Und
nicht zuletzt aus diesem Grund ist auch die
Kfz-Haftpflichtversicherung vorgeschrieben. Da Unfälle Folgen haben
können, die der Einzelne nicht verkraften kann.
Wenn nichts passiert, werden diese Versicherungsprämien sozusagen
"unnötig" bezahlt - da man die Leistung nie in Anspruch genommen hat.
Ähnlich ist dies beim Klimaschutz (wobei es hier auf jeden Fall mehr
Unabhängigkeit von Ländern wie Russland gibt): Wenn die Auswirkungen
doch nicht so schlimm sind, werden wir in Zukunft vielleicht einmal
feststellen, dass wir uns manch teure Maßnahme hätten ersparen
können. Das Risiko, es einfach darauf ankommen zu lassen und gar
nichts zu tun, ist aber zu hoch.
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