• 07.10.2012, 18:10:47
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Die Presse - Leitartikel: "Sperrt endlich die Kindergärten zu!", von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 08.10.2012

Utl.: Ausgabe vom 08.10.2012=

Wien (OTS) - Die Kindergärtnerinnen sind die Stiefkinder der
Bildungspolitik. Es ist höchste Zeit, dass sie mit mehr
Selbstvertrauen um ihre Anliegen kämpfen.

Am Samstag haben die Kindergärtnerinnen protestiert. Wer nichts davon
bemerkt hat, muss sich keinen Vorwurf machen.
Nichts hätte das Problem der heimischen Kindergartenpädagoginnen
besser auf den Punkt gebracht, als die Art und Weise, wie sie ihren
Protest organisiert haben: Während die Lehrergewerkschafter einen
ähnlichen Aufstand wohl an einem Vormittag mitten in der
Schularbeitszeit angesetzt und die Ärzte an den Medizin-Unis (wie
schon einmal in diesem Jahr) gleich mit dem Ausfall aller
Nachtdienste gedroht hätten, haben sich die Kindergärtnerinnen
entschieden, am Wochenende zu demonstrieren. In ihrer Freizeit.
Während alle Kindergärten geschlossen sind. Damit auch sicher niemand
das Fehlen der Pädagoginnen bemerkt. Tja.
Das alles verrät nicht nur so einiges über das Selbstvertrauen der
Kindergärtnerinnen - sondern lässt auch erahnen, welcher Stellenwert
der Berufsgruppe in der aktuellen (Bildungs-)Debatte eingeräumt wird.
Zu sagen, dass sie gar keinen Stellenwert hat, käme der Wahrheit
ziemlich nahe. Die Kindergärtnerinnen sind die Stiefkinder der
Bildungspolitik.

Warum dem so ist, ist leicht erklärt. Die Kindergärtnerinnen, die
gern endlich nicht mehr als Tanten, sondern als echte Pädagoginnen
wahrgenommen würden, stehen in Österreich bis heute in genau jenem
Eck, in das man sie irgendwann einmal gestellt hat. Sie sind jene,
denen man in der Früh das eigene Kind überantwortet, auf dass sie es
untertags bekochten, bespaßten und beaufsichtigten. Der Gedanke, dass
dazu nicht nur gute Nerven und ein freundliches Lächeln gehören,
sondern pädagogisches Fachwissen vonnöten ist, hat sich in Österreich
noch nicht durchgesetzt. Ebenso wenig wie die Forderung, den
Kindergarten endlich als erste Bildungseinrichtung zu konzipieren.
Dass er aber genau das sein sollte, legen die gesellschaftlichen
Entwicklungen der vergangenen Jahre ziemlich deutlich nahe. Die
Krippen- und Kindergartenkinder werden nicht nur immer jünger,
sondern stellen die Kindergartenpädagoginnen vor immer neue
Herausforderungen. Vor allem im städtischen Bereich ist die Zahl der
Kinder, die in nicht deutschsprachigen Haushalten aufwachsen, im
Steigen begriffen. Parallel steigt die Zahl der Kinder mit
ernsthaften Sprachdefiziten - übrigens auch unter jenen mit deutscher
Muttersprache. Bei einem Viertel der Fünfjährigen wird Förderbedarf
diagnostiziert, besonders hoch ist hier der Anteil der türkischen
Kinder.

Für sie alle müssen sie Lehrerinnen, Erzieherinnen und nicht zuletzt
ein Stück Elternersatz zugleich sein. Die Betreuungsquoten - also die
Zahl der Kinder pro Pädagogin - sind dafür zu hoch, die Räume
hingegen zu klein und die Gehälter zu niedrig. Letzteres ist - neben
fehlender Wertschätzung und dem Generalverdacht, schwul, pädophil
oder beides zu sein - einer der Hauptgründe, warum der Anteil an
Kindergärtnern so gering ist. Insgesamt leidet die Branche an
Personalmangel. Ob die Ausbildung tatsächlich mit einem akademischen
Titel abschließen muss, sei dahingestellt. Reformiert gehört sie in
jedem Fall. Wissenschaftlich ist die Elementarpädagogik an
Österreichs Unis unterentwickelt.
Wenn Experten mahnen, dass gerade die jüngsten Kinder von den besten
Pädagoginnen betreut werden müssen, veranlasst das die Politik zwar
zu kollektivem Kopfnicken. Aber nicht zu echten Reformen. Diskutiert
wird vor allem über zweite und dritte verpflichtende
Kindergartenjahre - also über Strukturen. Allein: Wie erfolglos
Strukturdebatten sein können, wenn man auf die Menschen vergisst, die
in den Strukturen arbeiten, zeigt die heimische Schulreform. Eine
echte Lobby haben die Kindergärtnerinnen nicht. Im Kompetenzwirrwarr
zwischen Bund, Ländern und Gemeinden ist den Politikern das Gefühl,
zuständig zu sein, irgendwo verloren gegangen. Auch einen Fritz
Neugebauer der Elementarpädagogik gibt es nicht.
Die Kindergartenpädagoginnen sollten erneut protestieren. Aber bitte
wochentags. Wenn erstmals österreichweit Eltern auf dem Weg zur
Arbeit mit dem Nachwuchs auf dem Arm vor verschlossenen
Kindergartentoren stehen, beginnt vielleicht auch jemand über all das
nachzudenken.

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