- 29.09.2012, 17:49:44
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Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Der Staat im Kampf gegen die Dicken", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 30.09.2012
Utl.: Ausgabe vom 30.09.2012=
Wien (OTS) - Bürokraten reglementieren genug, von der Glühbirne bis
zum Rauchen. Da sind keine neuen Vorschriften nötig, um
übergewichtigen Kindern zu Leibe zu rücken, auch kein täglicher
Turnunterricht.
Der Verdacht drängt sich Manfred Deix und anderen Beobachtern des
Homo austriacus schon lange auf. Doch was man bisher nur geahnt hat,
ist jetzt amtlich: Die Österreicher essen zu viel und bewegen sich zu
wenig. Deshalb sind viele von ihnen zu dick. Mittlerweile gelten 40
Prozent der Erwachsenen und auch schon 24 Prozent der Kinder zwischen
sieben und 14 Jahren als übergewichtig. Das ist das Ergebnis von
Untersuchungen, die Gesundheitsminister Alois Stöger neulich
veröffentlicht hat. Danke für die Mühe, der Ernährungsbericht aus dem
Land der Fleisch- und Wursttiger enthält eine Reihe interessanter
Informationen.
Besorgniserregend nannte der Minister das Essverhalten und die daraus
resultierenden Kilos. Und er hat natürlich jedes Recht, darauf
hinzuweisen. Denn die Verfettung schlägt sich vermutlich in höheren
Kosten für das Gesundheitssystem nieder. Doch mit dem Erklingen der
Alarmsirene endet seine Zuständigkeit auch schon wieder. Denn
letztlich ist es jedermanns Privatsache, was und wie viel er isst. Es
muss auch jedem Einzelnen überlassen bleiben, darüber zu befinden, ob
er sich in seiner Haut wohlfühlt oder nicht. Dieses subjektive Gefühl
ist per se nicht von der normativen Festlegung abhängig, ab welchem
Bodymass-Index jemand zu den Übergewichtigen zu zählen hat. Wer dick
und glücklich ist, soll es auch ganz ohne gesellschaftlichen
Diätdruck bleiben können.
Der Staat reglementiert ohnehin schon viel zu viele Bereiche des
Lebens. Er entscheidet, welche Glühbirnen wir verwenden, bis zu
welcher Uhrzeit wir einkaufen, wie lange wir arbeiten, wo wir rauchen
dürfen und vieles mehr. Das reicht. Also bitte keine neuen
Vorschriften für richtiges Essen! Wenn der Gesundheitsminister, wie
im "Standard" zu lesen war, mit der Bäcker-Innung vereinbart, weniger
Salz ins Gebäck zu mischen, und zwar so, "dass es die meisten
Konsumenten gar nicht merken", wird man als Versuchskaninchen der
Verbotskultur hellhörig. Wie fad müssen Salzstangerln schmecken,
damit sie Stöger angemessen sind?
Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Bürokraten noch
genauer als ohnehin schon regulieren, was auf den Tellern und in den
Bechern der Bürger landet. Der Feldzug gegen den Zucker hat schon
begonnen: In New York will der Bürgermeister keine süßen Getränke im
Super-Size-Format mehr zulassen. Der Trend wird, wie immer, Nachahmer
in Europa finden. Ein Weißbuch der EU-Kommission im Kampf gegen
Übergewicht gibt es ja schon, einen nationalen Aktionsplan in
Österreich auch.
Exerzierfeld Schule. Als Exerzierfeld der ernährungstechnischen
Sozialingenieure bieten sich die Schulen an. Und da springen gleich
die Kohorten von Sportminister Darabos auf, die seit den für
Österreich medaillenlosen Olympischen Spielen von London fleißig
Unterschriften sammeln, künftig eine Stunde Turnunterricht pro Tag
abzuführen. Die Idee aus dem Fundus des DDR-Ministeriums für Jugend
und Sport gefällt natürlich auch den Feldherren der Fettbekämpfung.
Ein kleiner Einwand sei jedoch gestattet: Auch wenn Eltern eine
Tendenz zeigen, die Erziehung in die Schulen auszulagern, die
Verantwortung dafür, wie sich ihre Kinder benehmen, was sie essen und
ob sie sich bewegen, tragen immer noch sie, nicht die Lehrer. Nach
dem Unterricht, in der Nachmittagsbetreuung, vor allem aber an den
Wochenenden, ist Zeit genug, mit Kindern Sport zu treiben oder in den
Park zu gehen. Es gäbe viele Lücken in der Wissensvermittlung: in
Wirtschaft, Kommunikation, Technik. Umso absurder ist es, mehr
Turnstunden auf Kosten anderer Fächer zu fordern, weil sich Darabos
Medaillen wünscht und die Anti-Adipositas-Fraktion hyperventiliert.
Schulen können und sollen nicht alle Aufgaben aufgebürdet werden, vor
denen sich Familien drücken. Nicht der Staat, sondern die Väter und
Mütter müssen darauf achten, dass ihre Kinder gesund essen und sich
ausreichend bewegen. Aber noch einmal danke für den Hinweis, Herr
Stöger.
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