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"Die Presse" - Leitartikel:Papst-Schüler Schönborn pilgert auf schmalem Grat, von Dietmar Neuwirth
Ausgabe vom 24.09.2012
Utl.: Ausgabe vom 24.09.2012=
Wien (OTS) - Gestern mussten die Pfarrer in Wien ihre Gemeinden
informieren: Der Erzbischof verordnet eine Reform. Hunderte Pfarren
werden gestrichen. Rom ist wachsam.
War ein aufregender Sonntag, nicht? Weniger wegen der gewollt oder
ungewollt bisweilen ins Halbkabarettistische oszillierenden
Ausführungen des Josef Cap in der "Pressestunde" des ORF. Aufregender
war der Tag schon für jene gar nicht so wenigen, die zur selben
Stunde nicht vor dem TV-Gerät, sondern vor dem Altar gesessen sind.
Wegen eines Schreibens, das Kardinal Christoph Schönborn seine
Priester in den 660 Pfarren der Erzdiözese Wien hat verlesen lassen.
Hunderte Pfarren sollen in den nächsten zehn Jahren kirchenrechtlich
aufgelöst und in eine Großpfarre überführt werden.
Nicht wenige Kirchgänger haben die vom Stephansplatz dekretierte
Strukturreform mit zumindest gemischten Gefühlen vernommen und bei
den diversen Pfarrcafés diskutiert. Denn die wenige Tage vorher von
Schönborn überraschend rasch und radikal verordnete Strukturreform
betrifft sie alle. Den gelegentlichen Messbesucher, den Mesner, die
Pfarrsekretärin und die paar noch real existierenden
Pfarrersköchinnen.
Der Kardinal korrigiert 200 Jahre später den Kaiser: Er will die Zahl
der Pfarren genauso drastisch verringern, wie sie Joseph II. hat
ansteigen lassen. Schönborn und sein Team reagieren damit sehr spät
auf eine Entwicklung, die vor Jahrzehnten begonnen hat. Auf das
Einbrechen des Angebots an Priestern hat Schönborn bisher mit dem
Holen ausländischer Seelsorger und mit Gesundbeten reagiert. Jetzt
muss er ein Notprogramm einleiten. Es ist der Versuch eines
Turnarounds auf hoher, rauer See: So oder ähnlich würde es der
Manager eines Unternehmens ausdrücken.
Gestern ließ der Kardinal seine Priester also verlesen: "Die
kirchlichen Strukturen sind dazu da, den Menschen und ihrem Heil zu
dienen. Das ist der Maßstab, an dem sie zu messen und auszurichten
sind." Wer würde einem Bischof widersprechen? Außer vielleicht Helmut
Schüller. Und seine Mannen der Pfarrerinitiative. Und Paul Zulehner.
Und die Frauen und Männer der Laieninitiative. Und die Plattform "Wir
sind Kirche". Und - aber das führt zu weit. Hier soll kein
Widerspruch erfolgen. Lediglich ein kleiner Hinweis. Den Menschen,
ihrem Heil dienen - gilt dieses Postulat nur für Strukturen? Eher
nicht. Das gesamte Handeln "der Kirche" hat sich daran zu
orientieren. Es wäre lächerlich, dem Kardinal zu unterstellen, er
wüsste das nicht. Aber wie in der Verkündigung neue Wege gegangen
werden, wie sich die Kirche heute noch verständlich machen kann, dazu
gibt es kein annähernd so ambitioniertes Projekt wie zum Auflösen von
Pfarren.
Trotzdem: Unter der Annahme, dass sich in absehbarer Zeit die
Rahmenbedingungen für die Zulassung zur katholischen Priesterweihe
nicht ändern werden - und auf die Zuverlässigkeit dieser Annahme kann
getrost gewettet werden -, ist die Strukturreform Schönborns nicht
nur nachvollziehbar, sondern dringend geboten. Auch um seiner
Priester willen, die unter Mehrfachbelastungen leiden. Vieles an
administrativer Arbeit, das derzeit die Zeit eines "kleinen" Pfarrers
verschwendet, kann zentral geleistet werden. Kostengünstiger, von
Laien. Ja die Laien! Ohne deren Mitarbeiten, Mitdenken und
Mitentscheiden wären die Pfarren Ödland. Ihnen wird in Teilgemeinden,
wenn kein Pfarrer mehr im unmittelbaren Umkreis wohnt, künftig eine
noch stärkere Bedeutung zufallen. Helmut Schüller müsste das freuen.
Tut es aber nicht. Genauso wenig wie den Papst. Der hat erst am
Freitag, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, eine Warnung
ausgesprochen: In Castel Gandolfo (wie beneidenswert lange doch der
römische Sommer dauert) hat er sich gegen einseitige Fixierungen auf
Strukturfragen gewandt. Und gemahnt, die Zuständigkeiten von Laien
und Priestern dürften nicht verwischt werden. Er freue sich über das
Engagement von Laien. Aber, so der Papst wörtlich: "Man muss
allerdings daran erinnern, dass die spezifische Aufgabe der Laien in
der Durchdringung der weltlichen Realitäten besteht." Zugespitzt
heißt das so viel wie: Liebe Laien, kümmert euch um eure, nämlich die
weltlichen Angelegenheiten. Den Rest erledigen wir. Schlaglichtartig
wird deutlich, auf welch schmalem Grat sich Christoph Schönborn
bewegt, der Lieblingsschüler Joseph Ratzingers.
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