• 19.09.2012, 12:01:53
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KEINE ZEIT Erschöpftes Selbst/ Entgrenztes Können

"Ich bin busy, ich habe keine Zeit"

Utl.: "Ich bin busy, ich habe keine Zeit"=

Wien (OTS) - Ab 20. September widmet sich eine Ausstellung im 21er
Haus dem Verhältnis von Arbeit und Kreativität und diskutiert die
Tendenzen hin zu permanenter Effizienz sowie daraus resultierende
Krankheitsbilder.

Das Leben heute bedeutet vor allem eines: Mit der zunehmenden
Fülle an Lebensmodellen umzugehen. Es gilt, flexibel, mobil, kreativ,
innovativ, autonom und eigenverantwortlich zu sein und zu handeln.
Allgemeine Arbeitsbedingungen haben sich zum Positiven gewandelt, und
noch nie waren die Möglichkeiten und Chancen so vielfältig und
zahlreich wie heute. Dennoch, was auf der einen Seite neue Freiheiten
bringt, bedeutet auf der anderen Seite Selbstverausgabung in allen
Lebensbereichen, was allzu oft zu Überforderung, Depression und
Burn-out führt.

Effizienz und Rentabilität versus Lustgewinn und
Weiterentwicklung

"Das Leben ist schneller geworden, die Menschen atemlos. Ein Event
jagt das nächste, und unser Privatleben ist ebenso durchorganisiert
wie unser Berufsleben. Zeit ist zu einem kostbaren Gut geworden, sie
ist eine rare und folglich immer wertvoller werdende Ressource",
meint Agnes Husslein-Arco, Direktorin des Belvedere. Stillstand ist
in diesem System unmöglich, da es den Gesetzmäßigkeiten von Effizienz
und Rentabilität unterliegt. "Das 21. Jahrhundert steht mit
Fortschritten in Kommunikation, Technik, Produktion und Transport für
eine noch nie dagewesene Beschleunigung des Lebenstempos. Die
optimale Nutzung von Zeit, das ideale 'Timing' sowie präzises
'Zeitmanagement' sind Grundinstrumente für erfolgreiches Arbeiten,
oder provokanter gesprochen, erfolgreiches Leben", ergänzt Bettina
Steinbrügge, Kuratorin der Ausstellung. Menschen definierten sich
über Arbeit, dient sie doch der Selbstverwirklichung und der
Positionierung in der Gesellschaft. Arbeit kann und soll die
Individualität stärken, zur persönlichen Entfaltung beitragen,
bereichernd und genussvoll sein. Besonderes Augenmerk lag
dementsprechend in den letzten Jahren auf der kreativen Arbeit,
verspricht diese doch einen Lustgewinn und Weiterentwicklung. Sie
basiert auf Flexibilität und Selbstkontrolle, und "Nicht-Arbeit" ist
keineswegs mit "Nichts-Tun" gleichzusetzen. Das klassische Bild von
Arbeit wird durch das kreative Bild von Arbeit ersetzt, dies löst
aber nicht nur allgemeines Wohlbefinden, sondern erstaunlicherweise
auch viele Probleme aus. Betroffen sind vor allem jene, die zwischen
Arbeit und Freizeit keinen Unterschied machen können oder dürfen und
von denen die totale Identifizierung verlangt wird. Dieses Gegenüber
von Angst und Sicherheit stellt uns gerade in Zeiten großer
Ungewissheit vor zahlreiche persönliche Herausforderungen. "All diese
Tendenzen finden ihren Widerhall in der zeitgenössischen Kunst,
werden dort aufgezeichnet, diskutiert und visuell aufbereitet -
vermehrt aus einer Innensicht heraus, stehen doch die Künstler
mitunter im Fokus einer sich ausweitenden gesellschaftlichen
Debatte", so Agnes Husslein-Arco weiter. Die Ausstellung KEINE ZEIT.
Erschöpftes Selbst/ Entgrenztes Können diskutiert diese Entwicklungen
aus einer künstlerischen Position heraus.

Künstler als "role models" für mobile und autonome Ich-AGs

"Von der industriellen Revolution an war man geneigt, den Künstler
mit seiner alternativen Lebens- und Arbeitsform als revolutionären
Gegenentwurf zum Unternehmer zu sehen. In Zeiten einer Arbeitswelt,
welche sich durch Flexibilität und Mobilität, Kreativität und
Innovation, Autonomie, Individualität und Eigenverantwortung
definiert, hat sich der Künstler hingegen zu einer Art Idealbild
entwickelt", so Bettina Steinbrügge. War Kunst einst das utopische
Gegenmodell zur leistungsorientierten und fremdbestimmten
Erwerbsarbeit, entwickelt sie sich heute vor unseren Augen zum Modell
der mobilen und autonomen Ich-AG. "Künstler sind zu 'role models'
einer veränderten Arbeitssituation geworden, in der unbegrenzte
Kreativität, smarte Selbstvermarktung, selbstmotivierte
Produktivität, leidenschaftliches Engagement und innovative Lebens-
und Arbeitsweisen stetig an Bedeutung gewinnen", erklärt Direktorin
Agnes Husslein-Arco. So stehen Künstler im Fokus einer sich
ausweitenden gesellschaftlichen Debatte. Die Ausstellung KEINE ZEIT -
Erschöpftes Selbst/Entgrenztes Können bündelt diese wichtigen, über
das Kunstfeld hinausgehenden Fragestellungen. Die teilnehmenden
Künstler machen ihre eigene Rolle zum Inhalt ihrer Arbeiten. Sie
betrachten und analysieren das Thema der Arbeit allgemein, sprechen
von Lust bis Überforderung, sehen die Langeweile als Ausweg oder
erproben unterschiedlichste Formen der Verweigerung.

Künstler machen die eigene Rolle zum Inhalt ihrer Arbeiten

Zu einer zentralen Praxis in Josef Dabernigs künstlerischer Arbeit
zählt das handschriftliche Abschreiben von Texten. Mit seiner
irritierenden Entscheidung für ein minutiöses, mechanisches
Abschreiben von Schriftstücken weigert sich Dabernig, in der dafür
benötigten Zeit zwanzig leichter zu erstellende Kunstwaren für den
Markt zu produzieren. Der Künstler Christoph Meier hat wiederum ein
Display für die Schau entwickelt, das nicht mehr als das absolut
Nötigste erfüllt. Durch die scheinbare Unvollständigkeit - die in
diesem Falle vollkommen ausreicht - verweist er nebenbei auf die
Strukturen heutiger Übererfüllung. Auch Michel Majerus formuliert in
seiner Arbeit your ideas get you killed II eine provokante Prognose:
Die Vorgabe zur Selbstverwirklichung verleitet zu gewagten
Zielsetzungen, die das Scheitern an den hohen, selbstauferlegten
Anforderungen geradezu provozieren. Zum Thema der Müdigkeit hat
Cosima von Bonin ein "Imperium der Ermüdung" geschaffen: Während sich
die Gesellschaft mit einem immer größeren Leistungsdruck und seinen
Konsequenzen abkämpft, scheinen in einem Paralleluniversum
überdimensionale Stofftiere von einem kollektiven Erschöpfungszustand
übermannt. In seiner Installation Enjoy / Survive (I) konfrontiert
Olaf Nicolai zwei extreme Pole: In einer von Überfluss definierten
kapitalistischen Welt scheint genussorientiertes Leben greifbar.
Nicolais Arbeit erinnert in ihrer grellen Optik an ein Glücksrad. Der
Grat zwischen Genuss und Überleben ist augenscheinlich ein schmaler -
man darf gespannt sein, wohin der Pfeil schlussendlich deutet.

Die Künstler der Ausstellung

Thomas Baumann, James Benning, Cosima von Bonin, Josef Dabernig,
Verena Dengler, Simon Dybbroe Moller, Manfred Erjautz, Claire
Fontaine, Rodney Graham , Hans Hollein, Siggi Hofer, Judith Hopf,
Lone Haugaard Madsen, Michel Majerus, Christoph Meier, John Miller,
Ute Müller, Olaf Nicolai, Laura von Niederhäusern, Stefan Panhans,
Josephine Pryde, Werner Reiterer, Kirstine Roepstorff, Santiago
Sierra, Nicole Six & Paul Petritsch, Josef Strau, Adrian Williams

Die Ausstellung wird von Interventionen und Performances von
Studierenden des Programms Master in Critical Studies an der Akademie
der bildenden Künste, Wien, in Zusammenarbeit mit den Lehrenden
Diedrich Diederichsen und Constanze Ruhm begleitet: Ana de Almeida,
Ilona Elizabeth Braun, Anke Dyes, Martina Kigle, Nathalie Koger, Kai
Maier Rothe, Jan Hendrik Müller, Nina Prader, Maria Rodriguez,
Claudia Sandoval Romero , Julia Tirler

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

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