• 11.07.2012, 18:29:28
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"Die Presse" - Leitartikel: Die Bildungspolitik wurde links liegen gelassen, von Rainer Nowak

Ausgabe vom 12.07.2012

Wien (OTS) - Claudia Schmied hat(te) es nicht leicht. Ihr Ziel,
eine einzige einheitliche Schulform für alle Zehn- bis 14-Jährigen,
wird sie nicht durchsetzen. Auch echte Reformen nicht.

Das Bild, das Claudia Schmied zur Veranschaulichung der
österreichischen Bildungspolitik am liebsten strapaziert, ist stets
jenes mit dem Bohren dicker Bretter. Das Problem: Die zuständige
Ministerin hatte nie das Gerät dazu. Ohne tiefe Verankerung in der
Partei, ohne volle Unterstützung des Parteichefs und ohne
100-prozentigen Killerinstinkt für nächtliche Verhandlungen mit
Gewerkschafter Fritz Neugebauer konnte sie nicht erreichen, was sie
sich vorgenommen hatte. Nämlich endlich den alten Traum der Linken zu
verwirklichen: eine Schule für alle, fast klassenlos. Zwar ist ihre
Argumentationslinie, dass die wichtigste und folgenreichste
Entscheidung, nämlich welcher Ausbildungsweg eingeschlagen wird,
nicht bei Zehnjährigen, sondern besser bei 14-Jährigen getroffen
werden sollte, schon richtig.
Allein, die Qualität dieses gemeinsamen Unterrichts wäre dann das
allerwichtigste Kriterium für Erfolg oder Nichterfolg des gesamten
Schulsystems. Wenn also kaum AHS-Lehrer dazu bereit sind, in eine
dieser Neuen Mittelschulen zu wechseln, obwohl sie dort viel Geld und
Aufmerksamkeit erwartet, hilft auch das schönste skandinavische
Beispiel nichts: Die Lehrer fürchten, dass es sich nur um
Hauptschulen mit neuem Namen handelt, und bleiben an den Gymnasien.
Dies wie Schmied mit dem Standesdünkel, den es in der Lehrerschaft
wie in jeder Berufsgruppe gibt, abzutun wird das Vertrauen in die
neuen Bildungseinrichtungen wohl nicht stärken. Und: Wenn in
Österreichs Privatschulen die Anmeldelisten länger und länger werden,
muss die Mutmaßung erlaubt sein, dass immer mehr Eltern ihre Kinder
nicht zur Verbesserung des Pisatests in die öffentliche Schule ums
Eck schicken, sondern einen eigenen, wenn auch kostspieligen Weg
gehen wollen.
Soll heißen: Die voranschreitende Differenzierung des Schulsystems
lässt sich auch im Bildungsressort nicht verhindern, auch nicht, wenn
man das Gymnasium in seiner jetzigen Form finanziell austrocknet. Die
alte Hauptschule abzuschaffen, stattdessen die Neue Mittelschule mit
etwas ambitionierteren Zielen und mehr Geld auszustatten, war
hingegen ein Gebot der Stunde. Wenn sie dem Gymnasium Konkurrenz
machte, wäre das nur gut. Die hat noch keinem geschadet.
Und das Hauptproblem jeder echten Bildungsreform blieb auch unter
Schmied unangetastet, wurde im Gegenteil noch größer, weil mächtiger:
Die Gewerkschaft bestimmt in Österreich nicht nur, welcher Lehrer wie
weiterkommt, sondern, was politisch möglich ist. Das ist in etwa so,
als würden nicht Chefredakteure, Redakteure und Verlagsmanager
vorgeben, wie eine Zeitung aussieht, sondern der Betriebsrat. Oder
als ob Automobil-Konzerne ihre neuen Modelle nicht von Entwicklern
und nach Marktstudien bauen und auf den Markt bringen lassen würden,
sondern von der Gewerkschaft entwerfen ließen. Genau in allen Fällen
würde dies zum Aus der jeweiligen Marke führen.
Aber was für unsere Kinder am besten ist, bestimmen Fritz Neugebauer
und seine Nachfolger. Daher muss vor jeder echten Reform eine
Überwindung dieses Widerstandes stehen, Streiks und alle anderen
Rituale inklusive. Ein solcher Kraftakt wäre sinnvoller als im
Wochenrhythmus PR-Veranstaltungen in Pressekonferenz-Format
abzuhalten und mit Hannes Androsch und anderen Wohltätern den Wert
der modernen Bildung zu besingen. Hört sich nett an, ist aber völlig
belanglos.

Natürlich bräuchte man für mögliche echte, nicht ideologisch
motivierte Reformen, wie etwa die Einführung von Bildungsschecks, die
man in anderen Ländern bekommt und der Schule der Wahl abliefert,
und/oder echte Autonomie von Schulen, die volle politische
Unterstützung. Werner Faymann ließ seine Ministerin mehrmals im Regen
stehen, ob gegen die Gewerkschaft oder den Koalitionspartner. Das
könnte sich unter einem möglichen Nachfolger Josef Ostermayer durch
die persönliche Nähe zum Kanzler ändern.
Leider, die Bildungspolitik war und ist in der Regierung Faymann nie
so wichtig (gewesen), wie es auf den Wahlplakaten zu lesen und in den
Sonntagsreden zu hören war. Das ist das vermutlich schlimmste
Versäumnis dieser Legislaturperiode. Und dieses Kanzlers.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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