• 20.06.2012, 11:52:14
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Sexueller Missbrauch: Offener Brief an Bundespräsident Fischer

Wien (OTS) - Sehr geehrter Herr Bundespräsident Dr. Fischer,

Mit großer Verwunderung haben wir erfahren, dass Sie den sog.
"Zwischenbericht" der Klasnic-Kommission "dankend" entgegengenommen
haben.

Die Klasnic-Kommission wurde von der katholischen Kirche mit dem
offiziellen Ziel eingerichtet, Betroffenen freiwillig und
unbürokratisch zu helfen bzw. diese zu entschädigen. Die Realität
liefert freilich ein anderes Bild. Offensichtlich dient die
Kommission auch dazu, Kritik von der katholischen Kirche abzuwenden
und die Einberufung einer staatlichen Untersuchungskommission (z.B.
nach dem Vorbild Irlands) zu verhindern. Leider hat in Österreich
eine konsequente Aufarbeitung im Sinne der Opfer nie stattgefunden.
Wir haben Informationen, dass 35 pädokriminelle Priester nach wie vor
im Amt sind, einige von ihnen sogar nach wie vor mit Kindern
arbeitend. Die meisten dieser Fälle sind der Klasnic-Kommisison
bekannt.

Die Unterstützung des Bundespräsidenten bedeutet öffentliche
Anerkennung für die katholische Kirche: eine Institution, die sich
über Jahrzehnte schwerer Verbrechen schuldig gemacht hat - die
Ausübung sexueller und körperlicher Gewalt an Kindern und deren
Vertuschung. Die Kirche übt tiefgreifenden Einfluss auf Politik und
Verwaltung aus und hat die strafrechtliche Verfolgung von
Sexualdelikten massiv erschwert. Kein Wunder: eine kirchlich
eingerichtete Kommission zur Aufklärung der eigenen Sexualverbrechen
ist absurd. Sie verdient nicht die "dankende Anerkennung" seitens des
Bundespräsidenten einer demokratischen Republik.

Die Klasnic-Kommission wird tw. von Personen geleitet, die ein
unangemessenes Naheverhältnis zur Kirche aufweisen.
Ex-Landeshauptfrau Klasnic ist Trägerin des kirchlichen
"Gregorius-Ordens". Die Vizepräsidentin des VfGH wurde von der
kirchennahen ÖVP ins Amt gehievt. Dennoch konnte so in der
Öffentlichkeit der Eindruck erweckt werden, die Kommission sei eine
quasi-staatliche Einrichtung.

In Zeiten des Misstrauens gegenüber einer zunehmend korrupten und
von engen parteipolitischen Interessen geprägten Politik ist Ihre
öffentliche Unterstützung für die Kirche abzulehnen. Diese hat die
Vertrauenskrise, in der sie sich befindet, selbst verursacht. Gerade
ein Repräsentant staatlicher Autorität wie der Bundespräsident muss
ein klare ethische Haltung beim Umgang mit Sexualverbrechen an
Kindern an den Tag legen. Mit Ihrem Lob für die Arbeit dieser
"Täterschutz-Kommission" unterstützen Sie ein System der politisch
geduldeten Verharmlosung und Vertuschung sowie der Verhöhnung und
Missachtung der Opfer.

Als Bundespräsident eines demokratischen Landes brauchen die
Betroffenen Ihre Unterstützung bei ihrem Anliegen, dass eine
staatliche Untersuchungskommission für Kirchenmissbrauchsfälle
errichtet werden möge. Um glaubwürdig die legitimen Interessen der
Kirchenopfer wahrzunehmen, muss Ihre Partei endlich eine glaubwürdige
Trennung von Staat und Kirche forcieren. Wir bedauern, dass Sie bis
heute nicht bereit waren, Mitglieder der Plattform Betroffener
kirchlicher Gewalt zu empfangen. Dies wirft ein bezeichnendes Bild
auf Ihre Haltung in dieser Angelegenheit.

Wir ersuchen Sie, sich von dem entgegengenommenen
"Zwischenbericht" zu distanzieren -zumal Sie diesen auch nicht in
Auftrag gegeben haben - und sich endlich für eine grundlegende
Aufarbeitung eines der größten Verbrechen der Nachkriegszeit
einzusetzen.

Sollten Sie an umfassenden Informationen über das tatsächliche
Ausmaß der kirchlichen Sexualverbrechen und deren systematischer
Vertuschung interessiert sein, stehen wir Ihnen für ein Gespräch
gerne zur Verfügung.

Sepp Rothwangl, Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt,
www.betroffen.at

Rückfragehinweis:
Sepp Rothwangl,
Tel.: 0676-4420950,
mailto:[email protected]

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