• 22.05.2012, 18:18:20
  • /
  • OTS0251 OTW0251

Die Presse - Leitartikel: "Ist doch alles gar nicht so "drachmatisch"", von Franz Schellhorn

Ausgabe vom 23.05.2012

Wien (OTS) - Griechenlands Ausscheiden aus der Eurozone wird zum
"Super-GAU" inszeniert. Doch vieles spricht dafür, dass der Verbleib
des Landes im Euro weit teurer käme.

Die wahre Kunst im Leben scheint kaum darin zu liegen, unangenehme
Dinge klar und deutlich auszusprechen. Das ist vielen Menschen zu
banal geworden, nicht nur den mutlosen, die sich vor den Folgen
schlechter Botschaften fürchten. Weshalb schreckliche Nachrichten
hübsch verpackt werden, um es den Rezipienten zu ermöglichen, besser
damit zurechtzukommen. So wird die schrumpfende Wirtschaftsleistung
eines Landes rasch zum "Negativwachstum", während höhere Steuern zum
"einnahmenseitigen Sparen" avancieren und horrende Verluste
börsenotierter Firmen mit "Gewinnwarnungen" angekündigt werden. Auch,
wenn das nichts anderes ist, als einen herannahenden Tornado mit
einer "Schönwetterwarnung" zu versehen.
Auffallend häufig anzutreffen sind derartige "Schönwetterwarnungen"
dieser Tage in der Eurozone. Langsam, aber sicher scheint sich
nämlich die Erkenntnis durchzusetzen, dass Griechenland im Euro nicht
zu halten ist. Um zu verhindern, dass in der Bevölkerung der Eindruck
entstehen könnte, ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone wäre
tatsächlich so etwas wie ein Austritt aus der Eurozone, läuft das
kreative Wortspiel auf Hochtouren. Den jüngsten Höhepunkt liefert der
Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, der die Einführung
eines "Geuro" propagiert.
Ein hässlicher Name für eine ziemlich hässliche Idee: Griechenland
solle mit dem "Geuro" eine Parallelwährung zum Euro einführen, die
maximal halb so viel wert sei wie der offizielle Euro. Griechenland
hätte so die Möglichkeit, seine Währung abzuwerten, ohne aus der
Eurogruppe auszuscheiden. Derzeit ist die Rechtslage ja so, dass
Griechenland die Hartwährungszone nur dann verlassen kann, wenn es
auch aus der EU austritt.
Mit dem "Geuro" bliebe es der Eurozone wenigstens erspart, eines
ihrer Mitglieder zu verlieren. Denn das, so lautet der Tenor, käme
einem ökonomischen "Super-GAU" gleich. Nun wird niemand bestreiten,
dass der Euro-Austritt Griechenlands eine höchst unangenehme, weil
sündteuere Angelegenheit wäre. Warum das aber gleich in eine
ökonomische Kernschmelze münden sollte, ist schwer nachzuvollziehen.
Das hieße nämlich auch, dass die viel gepriesenen (und ebenfalls
nicht gerade günstigen) Brandmauern für den sprichwörtlichen Hugo
wären. Sind sie aber nicht: Ein Austritt Griechenlands ist heute
zweifellos besser zu verkraften als vor zwei Jahren, weil die
Schockwirkung wegfällt.
Interessant ist auch, dass ausgiebig an den Kosten eines griechischen
Euro-Austritts gerechnet wird, aber niemanden zu interessieren
scheint, was denn die Eurozone ein Verbleib Hellas kosten würde.
Mittlerweile sieht es nämlich verdammt stark danach aus, dass diese
Variante weit teurer käme. Immerhin wurden aus den 15 Milliarden
Euro, die im Mai 2010 veranschlagt wurden, um Griechenland vor der
Pleite zu retten, 380 Milliarden Euro. Mit dem unerfreulichen
Ergebnis, dass die ökonomische Lage des Landes schlimmer denn je ist.
Womit der ehrenwerte Versuch, Griechenland nachträglich "Euro-fit" zu
machen, als gescheitert betrachtet werden darf.

Nun könnte man diesen Feldversuch freilich fortsetzen. Aber mit
welchem Ziel und zu welchem Preis? Um Griechenland die Chance zu
nehmen, mit einer abgewerteten Drachme konkurrenzfähig zu werden und
so aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen? Oder um die
geheimen Hoffnungen der erbittertsten Euro-Gegner zu erfüllen und den
Zerfall der gesamten Währungsunion vorzubereiten? Genau das wird
passieren, wenn einmal klargestellt ist, dass sich die Eurogruppe von
hoch verschuldeten Partnerländern erpressen lässt und dauerhaft für
deren Verbindlichkeiten aufkommt.
Griechenland wird weiter Finanzhilfen benötigen, keine Frage. Es wäre
aber allemal besser, diese einem Land zu gewähren, das die
Perspektive hat, mit einer weichen Währung im Wettbewerb bestehen zu
können. Und für das rechtliche Problem, dass Griechenland den Euro
nur verlassen kann, wenn es auch aus der EU austritt, wird sich eine
Lösung finden. Im Brechen von Verträgen sind die EU-Länder ja geübt.
In diesem Fall wäre es wenigstens für einen guten Zweck. Und an der
passenden Formulierung wird es wohl auch nicht scheitern.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PPR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel