OTS0189   22. Mai 2012, 14:04

Gesundheit als Religion - BILD

Beim DiskussionsFORUM des Haus der Barmherzigkeit diskutierten Bankhofer, Faber, Karmasin, Wippersberg, Gisinger und Milborn über Genuss und Irrglaube der neuen Gesundheits"religion".


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BILD zu OTS - Im Bild v.l.n.r.: Univ.-Prof. Gisinger (Haus der Barmherzigkeit), Dr. Wolfgang Huber (Institutsdirektor Haus der Barmherzigkeit), Dr. Helene Karmasin (Karmasin Motivforschung), Corinna Milborn (News), Claudia Hajdinyak (Communications Manager Pfizer Austria), Hademar Bankhofer (Gesundheits-Publizist und Autor), Univ.-Prof. Wippersberg (Schriftsteller und Filmemacher), Dompfarrer Toni Faber.

Bereits Platon wusste, dass die ständige Sorge um die
Gesundheit auch eine Krankheit ist. Es vergeht kein Tag, an dem uns
Fitnesspäpste, Wellnessgurus und GesundheitsexpertInnen mit mehr oder
weniger seriösen Tipps zu einem gesünderen Lebensstil verhelfen
wollen. Gesundheit ist ein zentraler Begriff in unserer Gesellschaft,
der viele Anleihen und Rituale aus der Religion nimmt. Aber haben in
unserer gesunden Welt Menschen mit chronischen Krankheiten und
Behinderungen noch Platz? Darüber diskutierten gestern abend im
Studio 44 der Österreichischen Lotterien der Gesundheits-Publizist
und Autor Hademar Bankhofer, Dompfarrer Toni Faber, die
Motivforscherin Helene Karmasin, der Schriftsteller und Filmemacher
Walter Wippersberg und der Institutsdirektor vom Haus der
Barmherzigkeit Christoph Gisinger. Corinna Milborn moderierte. Pfizer
Austria und die Österreichischen Lotterien unterstützten die
Veranstaltung.

Krankenhäuser statt Kathedralen, Marathons statt Prozessionen,
Diäten statt Fastenzeiten, und Olympiasieger, die statt Heiligen
verehrt werden. - Christoph Gisinger, Institutsdirektor vom Haus der
Barmherzigkeit und selber Arzt, fand viele Beispiele, um in der
Gesundheit eine neue Religion zu sehen. Dennoch ist für ihn die
Gesundheit nicht das Wichtigste: "Vielmehr ist das höchste Gut die
Beziehung zum Mitmenschen: Respekt, liebevolle Begegnung,
Verantwortung, Sorge und Hilfe." Wie der deutsche Autor Manfred Lütz
in seinem Buch "Lebenslust" glaubt er an die Gefahr, dass Menschen
mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen als Menschen 2. oder
3. Klasse gesehen werden.

Der Wunsch nach dem perfekten Körper und der Irrglaube

Für die Motivforscherin Helene Karmasin nimmt die Gesundheit zwar
Anleihen an Ritualen und religiösen Bezeichnungen ist aber keine
Religion. "Gesundheit ist ein zentraler Begriff in unserer
Gesellschaft: Es gilt: "Gesund ist schön." Es gibt den Wunsch nach
dem perfekten Körper. Er ist unser soziales Kapital und jeder ist als
Individuum dafür selbst verantwortlich. Wir sind immer
leistungsbereit, diszipliniert und jung. Alle, die dem nicht
entsprechen wie zB. dicke Menschen, werden sozial sanktioniert." Ganz
anderer Meinung ist der Schriftsteller und Filmemacher Walter
Wippersberg, für den die neue Gesundheitsreligion bereits eine
gesellschaftsbildende Kraft ist: "Ähnlich wie die Gesellschaft vor
100 Jahren vom Christentum geprägt war und man sich anpassen musste,
muss man sich heute auch anpassen: Es gibt einen Zwang zum
Gesundsein. Dabei ist es ein Irrglaube, Gesundheit sei herstellbar -
nur max. 10% sind durch unseren Lebensstil beeinflusst." Ihm fällt
auf, dass der Sündenbegriff von der Religion in die Gesundheit
gewandert ist. Heute bedeutet sündigen, dass einer zuviel gegessen
oder getrunken hat.

Wohlfühlen und genießen

Dompfarrer Toni Faber ist überzeugt, dass die katholische Religion
mittlerweile viel lustvoller ist als viele Forderungen der
"Gesundheitsaposteln". Diese haben für andere Menschen keinen Platz
in ihrem Leben und das sei völlig diametral zum christlichen
Weltbild. "Wichtig ist, dass wir genießen lernen und gesunde Bewegung
und Ernährung schaden nicht. Wir sollten auch den Respekt vermehren
gegenüber kranken und behinderten Menschen." Hademar Bankhofer,
Gesundheitspublizist und Autor sprach sich gegen jeglichen
Gesundheitsfanatismus aus: "Die wirklich gesunden Menschen, die sich
wohlfühlen, gehen einen mittleren Weg und genießen auch. Manchmal
muss man sündigen, um zu wissen, wovon man spricht."

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