- 18.05.2012, 19:34:35
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fair Play heißt im Fußball nicht Chancengleichheit" (Von Michael Schuen)
Ausgabe vom 19.05.2012
Graz (OTS) - Das Gebäude wankt. Genau genommen ist es mitunter
vom Einsturz bedroht, Teile hat es schon erwischt. Fußball-Europa
zittert davor, dass sich punktuelle Finanz-Schwächeanfälle bei
Vereinen zur Epidemie ausweiten. Dass auch große Namen nicht von
Konkursen verschont werden. Eine Angst nicht ohne Grund: Elf
Milliarden Euro betrug die Gesamtverschuldung der europäischen
Fußballklubs 2010. Unglaubliche 63 Prozent aller Vereine schreiben
Verluste. Während das für andere Wirtschaftszweige wohl den Tod
bedeuten würde, rollen im Fußball Ball und Geld weiter. Es wird mit
fast unanständigen Summen jongliert, die fern aller Vorstellung
liegen.
Das Unangenehme: Nur wenige - so wie Bayern München, das heuer bei
einem Umsatz von 350 Millionen Euro zwischen zehn und zwanzig
Millionen Euro Gewinn macht - können sich all das leisten. Der Rest
lebt auf Pump oder von Investors Gnaden. Mäzene, bevorzugt aus der
ehemaligen Sowjetunion oder von der arabischen Halbinsel, lassen sich
ihr Hobby Fußball (zu) viel kosten. Was zählt, ist der Erfolg, koste
er, was er wolle. Und Erfolg heißt: Sieg in der Champions League.
Deshalb kaufen Mäzene Stars gerne en gros statt en détail und
verzerren so den Markt und dessen Werte. Und jene, die seriös
wirtschaften, erröten vor Zorn.
All dem will der europäische Verband UEFA jetzt einen Riegel
vorschieben. Der revolutionäre Ansatz: Klubs dürfen künftig nicht
mehr ausgeben, als sie einnehmen. "Financial Fair Play" heißt diese
Zauberformel, von der sich manche mehr Gerechtigkeit, einige weniger
Geldvernichtung und viele gar größere Chancengleichheit versprechen.
Ein Wunsch mit Haken: Die UEFA kann und wird auch künftig nicht dafür
sorgen, dass Österreichs Meister den mit einer Milliarde
verschuldeten Kultklub Real Madrid ernsthaft fordert. Im Gegenteil:
Vereine, die schon an der Spitze sind, tun sich leichter, dort zu
bleiben. Denn, siehe oben: Was wirklich kostet, ist der Weg in die
Champions League - vom Finalsieg gar nicht zu sprechen. Dazu wird der
Spielraum von Oligarchen und Mäzenen zwar eingeschränkt, aber
Verluste dürfen sie auch künftig decken. Und so sehr die UEFA auch
droht: Ein Ausschluss von Chelsea, Real Madrid, Barcelona oder Milan
wird nicht passieren. Niemand beraubt sich seiner größten Zugpferde,
die UEFA schon gar nicht.
Nüchtern betrachtet mag es im Fußball finanziell auf dem Papier daher
künftig fairer zugehen - aber Chancengleichheit ist das deswegen noch
lange nicht.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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