• 18.05.2012, 18:21:39
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"Die Presse" - Leitartikel: Die dunkle Seite des Facebook-Hypes, von Josef Urschitz

Ausgabe vom 19.05.2012

Wien (OTS) - Die Internet-Ökonomie gebiert gerade eine Reihe von
globalen Monopolen, auf die Wirtschaftspolitiker und Ökonomen noch
keine brauchbare Antwort wissen.

Eigentlich ist der hochgehypte Facebook-Börsengang "Business as
usual": Die Millionärsquote im kalifornischen Palo Alto ist gestern
stark gestiegen, eine Reihe von Investmentbanken und Großanlegern,
die ihre zu 38 Dollar zugeteilten Aktien gleich wieder auf den Markt
geworfen haben, hat einen netten, aber kleinen Kurzfristschnitt
gemacht, und jene Anleger, die gestern an der Börse zugekauft haben,
werden sich wohl bald zu fragen beginnen, ob 115 Dollar pro
Facebook-Nutzer wirklich eine seriöse Börsenbewertung war. Das alles
kennt man von anderen Tech-Börsengängen auch.
Weil das Getöse um die Frage, ob Facebook jetzt 90 oder doch 106
Milliarden Dollar "wert" ist, so laut gerät, sieht niemand ein
Problem, das mit Facebook auch in den Scheinwerferkegel kommt: Die
Internet-Ökonomie gebiert gerade an allen Wettbewerbs- und
Kartellgesetzen vorbei eine Reihe von globalen Quasimonopolen, auf
die weder die Wirtschaftspolitik noch die Wirtschaftswissenschaften
bisher eine halbwegs vernünftige Antwort wissen. Manchmal hat man den
Eindruck: gar nicht wissen wollen, weil sie die systemgefährdende
Sprengkraft der Entwicklung (noch) nicht bemerken.
Wir reden hier von der in den vergangenen Jahrzehnten zweifellos
überlegenen Marktwirtschaft, die zum Funktionieren Wettbewerb
benötigt. Monopole, die Wettbewerb ausschalten oder stark reduzieren,
sind demnach die größten Feinde dieser Marktwirtschaft. Weil der
preisdämpfende Effekt des Wettbewerbs nicht mehr funktioniert, gelten
sie allgemein als wohlstandsdämpfend.
Dass dem marktwirtschaftlichen System der Drang zu Konzentration und
Monopolisierung inhärent ist, hat einer der berühmtesten
"Presse"-Korrespondenten, Karl Marx, schon im vorvorigen Jahrhundert
ganz richtig festgestellt. Dass seine Jünger den verhassten
"Monopolkapitalismus" mit ihrem Staatsmonopolkapitalismus à la
Sowjetunion auszuhebeln versuchten, war dann vielleicht nicht die
beste Idee, wie die Geschichte gezeigt hat. Da waren die
"Kapitalisten" schon geschickter, indem sie preissetzende
Marktbeherrschung mithilfe von strengen Antikartellgesetzen und
Wettbewerbsregelungen zu verhindern suchten.
Das ist im Prinzip natürlich problematisch, weil dadurch
außerordentliche unternehmerische Tüchtigkeit bestraft wird - scheint
aber dennoch das kleinere Übel zu sein. Ist Wettbewerb nämlich erst
einmal durch Monopolisierung ausgeschaltet, dann lässt er sich nur
schwer wiederherstellen. So, wie man Demokratie zwar auf
demokratischem Weg locker abschaffen, aber nur schwer wieder
installieren kann.
In der "Old Economy" hat diese Wettbewerbssicherung durch
Antimonopolbestimmungen bisher halbwegs funktioniert. In der
Internet-Ökonomie tut sie das nicht. Denn diese tickt grundlegend
anders: Da kommt es einzig darauf an, möglichst schnell auf globaler
Ebene "kritische Masse" zu erreichen, um dann globale Standards
setzen zu können. Das geschafft zu haben ist das Erfolgsgeheimnis von
Unternehmen wie Microsoft, Apple, Amazon, Google, Facebook, und wie
sie alle heißen.

Die Konkurrenz, die hier tobt, ist also im Wesentlichen ein globaler
Geschwindigkeitswettbewerb, auf den die national organisierten alten
Wettbewerbsbehörden keine Antwort wissen. Die Hilflosigkeit, mit der
die EU-Behörden etwa den jüngsten Datendurchstechereien von Google
und Facebook gegenüberstehen, zeigt ganz deutlich, wo hier der Bartl
den Most holt.
Hier entstehen Machtkonzentrationen, die uns wohl noch zu "kiefeln"
geben werden. Der nächste nach Weltherrschaft strebende Filmbösewicht
wäre jedenfalls besser beraten, sich die Kontrolle über die
Datenkraken Google und Facebook zu sichern, statt sich Raketen und
Atombomben zu krallen.
Da braut sich etwas zusammen - beinahe unbemerkt von
Wirtschaftspolitikern und Ökonomen. Letztere streiten ja noch immer
ganz ausgiebig darüber, welche ökonomische Schule aus der ersten
Hälfte des 20. Jahrhunderts die besseren Lösungen für alte Probleme
bietet. Statt sich um die Herausforderungen der ökonomischen
Landschaft des 21. Jahrhunderts zu kümmern.

Rückfragehinweis:
[email protected]

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