- 14.05.2012, 18:29:19
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"Die Presse"-Leitartikel: Doch, die Umwelt ist auch noch da, und besser geht es ihr nicht, von Jürgen Langenbach
Ausgabe vom 15.05.2012
Wien (OTS) - Der WWF erinnert daran, dass wir bei der Lösung der
langfristigen Probleme in den 20 Jahren seit der Rio-Konferenz wenig
vorangekommen sind.
Mitten im Wanken der Ökonomien und in den Verwerfungen der Politik
gibt es doch noch gute Nachrichten: Die Artenvielfalt auf der
Nordhalbkugel hat sich seit den 1970er-Jahren um 30 Prozent erhöht,
der World Wildlife Fund (WWF) berichtet es in seinem "Living Planet
Report 2012". Natürlich bilanziert er vor allem die Kehrseite -
weltweit ist die Artenvielfalt um 30 Prozent zurückgegangen -, aber
auch dem kann man etwas Gutes abgewinnen: Jemand zählt mit. Das ist
keine Selbstverständlichkeit, Umwelt ist ein Luxusthema, das rasch
von der Agenda verdrängt wird, wenn der Luxus bedroht ist und eine
Finanzkrise die andere ablöst.
Deshalb hatte die Umwelt ihre hohe Zeit in den 1980er-Jahren und zu
Beginn der 1990er, es war auch relativ friedlich auf der Erde, man
konnte sich dem langfristigen Gedeihen zuwenden, der
"Nachhaltigkeit". In ihrem Namen versammelte sich die Welt 1992 zum
Earth Summit in Rio, der Schutz der Biodiversität und der Wälder
wurde beschlossen, auch der des Klimas, im Juni kommt das
20-Jahr-Jubiläum. Allzu viel zu feiern gibt es nicht: Die Übernutzung
der Erde durch einen ihrer Bewohner ist weitergegangen, der WWF zeigt
es mit dem "ökologischen Fußabdruck": Wir verbrauchen mehr
Ressourcen, als wir haben, Tendenz steigend.
Auch das hat noch einen positiven Aspekt: Die wissenschaftlichen
Instrumente zur Erfassung der Umweltbelastungen sind feiner geworden,
ganz so alarmistisch wie früher geht es nicht mehr zu, mit der einen
großen Ausnahme, auf die die "Umwelt" verengt wurde: dem Klima. Da
verbrennt immer noch die Erde, oder sie geht unter, weil die
Gletscher schmelzen. Wahr ist daran, dass die Meere steigen - 1,8
Millimeter pro Jahr -, wahr ist allerdings auch, dass fast die Hälfte
davon nicht von der Erwärmung kommt. Sondern von der Übernutzung des
Grundwassers vor allem für die Landwirtschaft. Sie hebt die Meere
auch.
In solchen Details steckt der Teufel der Umweltpolitik, große Worte
wie die, der "Planet" sei "kränker" geworden, helfen nicht, auch wenn
sie in dicken Lettern über dem WWF-Bericht stehen. Die Metaphern sind
unpassend, die Erde ist kein Lebewesen, ihr ist es ganz gleich, wie
viel Wasser oder Wald wir verbrauchen und wie viele Gifte und Abgase
wir in die Umwelt kippen oder blasen. Der Natur ist es ebenso egal,
sie rächt sich nicht, wir müssen schon damit leben, dass wir die
sind, die handeln und die Verantwortung tragen, und zwar für uns alle
(und den Planeten insgesamt, gleich, ob man damit die Schöpfung ehren
oder sich schlicht nicht das eigene Grab schaufeln will).
Für uns alle? Dass es der Biodiversität im Norden gut geht, und dass
dort die Umweltverschmutzung erträglich ist, hat schon damit zu tun,
dass wir schmutzige Arbeit ausgelagert haben, in den Süden. Zum Dank
sollen die Menschen dort für uns die Welt retten, etwa die großen
Tiere erhalten, die Löwen und Elefanten, die die Bauern attackieren
und ihre Ernten vernichten. Kommt bei uns nur ein Bär vom Süden her,
helfen alle Mühen des WWF nichts, obwohl er tut, was er kann.
Das tut er auch beim Wald, dessen Vernichtung im Süden hat großen
Raum im Bericht. Aber leben müssen die Menschen dort schon auch, und
das konnten sie einmal, in großer Zahl: Amazonien etwa war lange kein
Wald. Sondern, bis zur Invasion der Europäer, Feld und Garten, es
ernährte viele, ganz anders als heute. Es könnte das vielleicht
wieder bewerkstelligen, nachhaltig. Aber für uns ist der Regenwald
heiliger Hain, mögen die im Süden in die Favelas ziehen!
So diffizil sind die Details, auch bei der Lösung unserer selbst
erzeugten Probleme: Die Meere werden übernutzt, es gibt bald mehr
Studien als Fische. Aber der Mensch ist findig, die Hälfte der
Speisen aus dem Wasser kommt heute aus Aquakultur. Nur: Wenn Lachse
oder Shrimps ein Kilo ansetzen sollen, müssen sie drei Kilo fressen:
Fisch. Es ist also Vernichtung in großem Stil.
Wo man hinschaut, auf die Probleme oder die Abhilfe, helfen große
Gesten und Patentlösungen nicht viel. Es bleibt die alte Weisheit
Voltaires. "Das ist gut gesagt, recht gut", führt Candide den
weitschweifigen Pangloss zurück in die Mühen und Freuden des Alltags,
"aber wir müssen den Garten bestellen."
Rückfragehinweis:
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