• 14.05.2012, 17:15:34
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Spiel an der Grundlinie"

Ausgabe vom 15. Mai 2012

Wien (OTS) - Eines vorweg: Die "Österreich-Rede" von Vizekanzler
Michael Spindelegger war recht gut, aber eher die Rede eines
ÖVP-Obmannes an eine verunsicherte und/oder angefressene
Gefolgschaft. Tatkraft und Fleiß, Leistung und Eigenverantwortung -
das sind die Schlüsselworte, mit denen die Partei in die kommenden
Wahlen ziehen will. Spindelegger ließ sich vor der Rede von Thomas
Musters Manager und Schulkollegen Ronny Leitgeb als
"Grundlinienspieler, nicht als aggressiver Aufschlag-Volley-Spieler"
charakterisieren. Die Rede blieb diesem Motto treu.

Die Arbeit für die Volkspartei beginnt aber erst, wie die Innsbrucker
ÖVP am selben Tag bewies, an dem Spindelegger seine Rede hielt. Der
in seinen Wertvorstellungen durchaus angreifbare Tiroler
Wirtschaftsbund-Obmann Jürgen Bodenseer (Wiedereinführung der
Todesstrafe) forderte ultimativ den Posten des Innsbrucker
Vizebürgermeisters für die ÖVP. Sonst würde der Wirtschaftsstandort
Tirol Schaden leiden.

Abgesehen davon, dass die Forderung unerfüllt bleibt, zeigt das
Beispiel, welch harten Weg der ÖVP-Obmann mit seiner Werte-Strategie
partei-intern zu gehen hat. Viele Funktionäre der Partei in Ländern
und Gemeinden sind der Ansicht, dass die Republik ohne sie nicht
funktionieren könne. Solche Überheblichkeit straft der Wähler
neuerdings gerne ab, nicht nur in Österreich. Auch Norbert Röttgen im
deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen bekam für seine abgehobene
Position eine bittere Rechnung präsentiert.

Wenn die Volkspartei also nun auf diesen Werten beharrt, dann wird
sie sich selbst daran messen lassen müssen.

Das wird hart genug. Viele Funktionäre der Volkspartei denken nicht
in Leistungskategorien, sondern vielmehr in einem simplen
Freund-Feind-Schema. Das tun andere politische und politnahe
Organisationen auch, was der Volkspartei aber im Zusammenhang nicht
hilft. Spindelegger definierte deren Werte-Kanon eben neu - und
durchaus präzis. Zum Wert "Freiheit" gehört auch, dass im
ÖVP-Parlamentsklub Debatten stattfinden, die nicht gleich das
Wohlwollen der Klubführung finden.

Es mag sein, dass Michael Spindelegger mit seinem als
Korruptions-Befreiungsschlag gedachten Werte-Fundament die politische
Debatte in Österreich insgesamt sensibilisiert. Sicher aber in der
ÖVP. Und da wird er in nächster Zeit auch einmal Aufschlag-Volley
spielen müssen...

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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