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"Die Presse" Leitartikel: Die Enteignung der Sparer hat längst schon begonnen, von Josef Urschitz
Ausgabe vom 11.05.2012
Wien (OTS/Die Presse) - Die Schuldenkrise wird von den Besitzern
von Geldvermögen bezahlt werden. Schon jetzt ist die Inflation viel
höher, als die offiziellen Raten glauben machen.
Dass die wohl stabilitätsorientierteste Notenbank der Welt, die
Deutsche Bundesbank, plötzlich ein bisschen mehr Inflation "dulden"
will, wird jetzt als großer "Paradigmenwechsel" empfunden. Zu
Unrecht: Für Insider war längst klar, dass die Deutschen trotz aller
Stabilitätsbeteuerungen keine große Wahl mehr haben. Für den Ausstieg
aus dem Euro ist es zu spät, das würde zu hohe Kosten verursachen.
Und der Ökonomen- und Politikerkonsens im Rest Euro-Europas (und
nicht nur da) neigt immer stärker in die Richtung, dass sich die
abenteuerlichen Staatsschuldenberge nicht mehr vernünftig abbauen,
sondern nur noch "weginflationieren" lassen.
Die Vorarbeit ist unter tatkräftiger Mithilfe auch der deutschen
Bundesbanker längst geschehen: Die Euro-Geldmenge hat sich in den
vergangenen zwölf Jahren annähernd verdoppelt, womit die EZB von
Anfang an ein viel stärkeres Geldmengenwachstum "geduldet" hat, als
sie sich selbst verordnet hat. Die Inflationierung ist also schon
geschehen. Und dass man Geldmengen nach Belieben aufblasen kann, ohne
dass zumindest Teile dieser Mengen ihren Weg in die Realwirtschaft
finden und dort Teuerungen verursachen, das glauben wohl auch jene
Notenbanker nicht, die uns das in den vergangenen Jahren immer wieder
erzählt haben.
Wir haben die Teuerung in jenen Bereichen, in die Anlegergeld zuletzt
vorwiegend geflossen sind, ja längst: Wer sich etwa die Entwicklung
der Immobilienpreise in Wien und anderen europäischen Städten ansieht
oder einen Chart des Goldpreises über die letzten zehn Jahre
betrachtet, der weiß, was "Asset-Inflation" bedeutet.
Wie übrigens auch jeder, der seine täglichen Einkäufe selbst
erledigt. Denn die Teuerungsrate ist in Wirklichkeit derzeit schon
gut doppelt so hoch wie der offiziell ausgewiesene harmonisierte
Konsumentenpreisindex. Die wirklichen Werte liefern uns neuerdings
berechnete Teilindizes wie etwa die "gefühlte Inflation" in
Deutschland und der "Wocheneinkauf" in Österreich. Da sehen wir, dass
die "erlebte" Teuerung schon lange dramatisch von den
schöngerechneten Indizes der Statistikämter abweicht. In Deutschland
und Österreich dürfte die "echte" Teuerung derzeit zwischen vier und
fünf Prozent liegen.
Dass die EZB ihre Stabilitätslüge (Inflationsziel zwei Prozent)
bisher aufrechterhalten konnte, verdankt sie kreativen
"Optimierungen" bei der Berechnung der offiziellen Teuerungsraten.
Etwa der seit zehn Jahren üblichen "hedonischen" Berechnung, bei der
von den tatsächlichen Preisen Abschläge für Qualitätsverbesserungen
abgezogen werden. Oder dem "Surrogatansatz", der darin besteht, dass
man Produkte mit größerer Teuerung im Warenkorb einfach gegen
preisstabilere austauscht. Meister aller Klassen sind da übrigens die
Amerikaner, die bei der Berechnung ihres realen BIPs die
"Kerninflation" heranziehen. Da sind die schnell steigenden Preise
für Nahrungsmittel und Energie nicht enthalten. Weil Öl und Essen
ohnehin niemand braucht, nicht wahr?
Aber selbst wenn wir die geschönten offiziellen Statistiken
heranziehen, sind die Vermögensentwertung und damit die Enteignung
der Sparer längst im Gang. Relevant ist nämlich nicht die absolute
Höhe der Inflation, sondern deren Relation zu den erzielbaren Zinsen.
Und da liegen Sparer und Anleihezeichner nach Abzug von Kest und
offizieller Inflation schon seit Längerem deutlich im Minus.
Wenn die Euro-Notenbanken die Inflationsleine nun lockerer lassen,
dann ist klar, wer die Krise bezahlen wird: Sparer und
Anleihezeichner. Und wer davon profitieren wird: Schuldner aller Art,
am meisten der Staat. Wobei man sich nicht von abwiegelnden Aussagen
à la "ein bisschen Inflation" beruhigen lassen sollte: Der
Enteignungseffekt der Teuerung ist auch bei unspektakulären Raten
enorm. Eine reale Inflation von sechs Prozent etwa stutzt den Wert
eines Tausenders (ohne dass das dessen Besitzer besonders auffällt)
in fünf Jahren auf 747 und in zehn Jahren auf 558 Euro. Den realen
Wert eines Tausenders Staatsschulden natürlich auch. Da wird man wohl
nicht lange raten müssen, wie die Sanierung wirklich ablaufen wird.
Rückfragehinweis:
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