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Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Demokratie-Kassandras"
Ausgabe vom 3. Mai 2012
Wien (OTS) - Allenthalben liest und hört man von klugen Köpfen,
dass keine Demokratie Einsparungen, wie sie derzeit etwa
Griechenland, Spanien oder Irland durchleiden, über einen längeren
Zeitraum aushalten könne. Die Bürger würden dann nämlich bei
radikalen Kräften Zuflucht suchen und sich von der Demokratie
abwenden. Die unseligen Dreißigerjahre lassen grüßen.
Grundlegender kann man den Bürgern nicht das Misstrauen aussprechen,
als dass man Demokratie zur Schönwetterregierungsform degradiert.
Abgesehen davon entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass so
genau jene Parteien unter Artenschutz gestellt werden sollen, die
ihre Länder geradewegs in den Abgrund regiert haben.
Sollte die europäische Demokratie tatsächlich auf so dünnem Sand
gebaut sein, dann steht es um sie noch schlechter, als ohnehin
überall zu lesen steht. Bemerkenswert ist aber auch die historische
Perspektive all jener Kassandras, wenn diese bereits bei
sozialstaatsabgefederten Turbulenzen Diktatur und Bürgerkrieg an die
Wand malen. Schließlich kann man zwar durchaus hoffen, dass
Sicherheit und Wohlstand auch künftig wachsen werden, wie sie es in
den vergangenen Jahrzehnten in Westeuropa getan haben. Dessen sicher
sein kann man jedoch nicht. Das wäre dann tatsächlich eine
anthropologische Anomalie.
Richtig ist, dass Europa kaum positive Erfahrungen mit der
demokratischen Bewältigung von Krisen zu machen imstande war. Von
daher rührt der diesbezüglich grassierende Kulturpessimismus. Aber
warum sollte eine ganze Gesellschaft, deren tragende Trends
Bildungsexplosion, steigender Individualismus und sinkende
Autoritätshörigkeit heißen, umstandslos bösen Anti-Demokraten in die
Arme laufen?
Sehr wohl möglich ist dagegen, dass manchen der althergebrachten
Parteien in dieser Krise nun die letzte Stunde geschlagen hat -
zumindest in ihrer bisher bestehenden Form. Zweifellos eine Zäsur, in
den meisten Fällen wohl eine angebrachte.
Dann ist es eben an den neuen Kräften zu versuchen, die Krise zu
bewältigen. Demokratie ist ein Prozess, Regierungen kommen und gehen
ebenso wie Parteien und Überzeugungen. Und mitunter lernen neue
Kräfte die Spielregeln erst dann, wenn sie schon mitten drin sind.
Und wenn nicht, werden sie eben wieder abgewählt.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
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