Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Politik oder Fußball"
Ausgabe vom 2. Mai 2012
Wien (OTS) - Es ist ein durchaus ehrenwerter Versuch, sich am
Beispiel der Ukraine wieder einmal über den Stellenwert des Sports in
unserer Zeit zu verständigen. Immerhin ist dieser in seiner
massentauglichen Variante die letzte verbliebene Institution, die
verlässlich und - besonders wichtig! - planbar Massen zu mobilisieren
vermag. Und das als monopolkapitalistisch organisiertes Mega-Event.
Das klingt jetzt schlimmer, als es unbedingt sein muss, schließlich
trifft das Angebot auf enthusiasmierte Nachfrage, der sich selbst
ausgewiesene Geistesgrößen nicht entziehen wollen. Zu verlockend ist
es, aus dem spielerischen Wettkampf den Zustand unserer Zeit
herauszudestillieren. Und Fußball ist als Spiegelbild der
Gesellschaft perfekt für diese Metaebene.
2007 wurde die Fußball-EM 2012 an Polen und die Ukraine vergeben.
Damals schon tobte in Kiew ein Machtkampf zwischen Julia Timoschenko
und Viktor Janukowitsch - mit ungewissem Ausgang. Möglich, dass
einige Romantiker in der Uefa dabei die europäische Ausrichtung der
Ukraine im Auge hatten, ausschlaggebend waren jedoch wirtschaftliche
und sportpolitische Beweggründe. Bei Olympia 2010 in Peking, 2014 in
Sotschi, bei der Formel 1 in Bahrain, der Fußball WM 2022 in Katar
oder - um über den Sport hinauszublicken - beim Eurovision Song
Contest Ende Mai in Baku galten und gelten die gleichen Kriterien.
Mit Moral und Werten hat all das nichts zu tun.
Die Einzigen, die solche Events politisch aufladen können, sind die
Politiker selbst. Die Macht der Medien ist in diesem Fall begrenzt,
weil zwischen den Interessen ihrer eigenen Politik- und
Sportredaktionen neutralisiert.
Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet Deutschland mit einer
Pastoren-Tochter im Kanzleramt und einem Pastor im
Bundespräsidentenamt im Umgang mit dem Regime in Kiew den Ton angibt,
dem etliche EU-Länder nun folgen. Im Schatten eines Großen ist es
eben leichter, mutig zu sein. Dass die selbst im Leiden fotogene
Timoschenko dabei nicht zur Heiligen taugt, ist allen bewusst. Aber
jede Geschichte, die erzählt werden will, braucht nun einmal ein
Gesicht.
Interessant wäre jetzt nur noch, wenn uns all die Empörten den
genauen Unterschied zum in Russland inhaftierten Michail Chodorkowski
erläutern. Wegen Olympia in Sotschi und so.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at















