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"Die Presse" Leitartikel: Ein Schlüssel zum Verständnis der Piraten, von Karl Gaulhofer

Ausgabe vom 02.05.2012

Wien (OTS/Die Presse) - Die neuen politischen Heilsbringer
erkennen kein geistiges Eigentum an. Zu Ende gedacht, geraten wir so
in den Ruin, in die Planwirtschaft oder vermutlich in beides.

Es gibt so viele Erfindungen, warum nicht auch diese: ein
Universalschlüssel, der jede Türe öffnet und den jedermann einfach
basteln kann. Spinnen wir den Gedanken weiter: Wozu würde das führen?
Einbruch wird zum Volkssport, kein Hab und Gut ist mehr sicher. Was
tun? Mehr Polizisten einstellen, die Strafen erhöhen, an die Moral
der Bürger appellieren? Werter Leser, Sie sind von gestern. Wir leben
in der Epoche der Piraten. Heute gilt: Man darf den Dieben kein
schlechtes Gewissen machen. Also: entkriminalisieren. Ihr
Hausbesitzer regt euch auf? Das hättet ihr doch vorhersehen müssen,
dass Schlüssel nicht mehr zeitgemäß sind. Es gibt sicher andere
Möglichkeiten, sich zu schützen. Wir wissen nicht, welche, aber seid
kreativ. Und seid froh, dass wir euch von der Profitgier der bösen
Sperrsystemindustriekonzerne befreien.
So ist, kaum zugespitzt, die Argumentation der deutschen
Piratenpartei bei ihrem Kernthema Urheberrecht. Weil es heute ein
Leichtes ist, Musik und Literatur kostenlos im Internet
herunterzuladen, gibt es auch kein Recht auf geistiges Eigentum mehr.
Es gehört allen, als Allmende. Die Musiker und Dichter werden die
"Rechteindustrie" los. Sie können ungezwungen überlegen, wie sich im
Netz Geld verdienen lässt - wenn sie nicht vorher verhungert sind.
Nach einer langen Schrecksekunde sagen nun hunderte deutsche Künstler
den Piraten den Kampf an. Nein, sie denken gar nicht daran, die
Computernerds mit ihrem Alles-gratis-Wahn als Heilsbringer zu feiern.
Nein, sie lassen sich ihre Musiklabels und Verleger nicht nehmen. Sie
haben nämlich weder Zeit noch Lust, sich selbst zu vermarkten. Ein
Künstler macht Kunst. Und ja, er erwartet sich ein Entgelt für das
Erleben seiner Werke. Schon als Zeichen des Respekts vor dem, was er
geschaffen hat. Denn was nichts kostet, ist auch nichts wert.
Ausgerechnet die meist links gedrehten Künstler und Intellektuellen
entdecken so ihre Liebe zum Eigentum. Vielen Piraten bleibt es tief
suspekt. Denn funktionieren ihre marktbasierten Alternativen nicht,
kommt die Katze aus dem Sack und der Pudel zu seinem Kern: Dann soll
die öffentliche Hand die Künstler ernähren. Der Staat soll verwalten,
verteilen, bewirtschaften. Das gilt auch für Patente. Argumentiert
wird hier ähnlich: Bei mancher Software ist Schutz nicht mehr möglich
(stimmt). Auswüchse im Patentwesen können Innovation eher behindern
als fördern (stimmt auch). Ergo: Werfen wir das ganze Konzept von
wirtschaftlich verwertbaren Ideen über Bord. Das aber wäre
ökonomischer Selbstmord, gerade für Deutschland, dessen ganzer
Reichtum in den Ideen seiner Automobilingenieure, Maschinenbauer und
Chemiker liegt.

Ein bayerischer Erfinder wollte sich im ARD-"Wirtschaftsmagazin" an
einem Piratenstammtisch erklären lassen, wie seine Firma ohne
Schutzrecht überleben soll. Die Reaktion: spöttisches Lachen. "Bei so
was würden wir sagen: ,Hmm\x{2588}" und "Sie werden das ja in der Freizeit
gemacht haben". Ein etwas hellerer Kopf fügte hinzu: Er könne sich
"eine Gesellschaft ohne Patente gut vorstellen, die würde dann
allerdings ein bisschen anders aussehen". Wie anders, erklärte im
Anschluss ein Experte-Pirat: Der Staat bezahlt die Erfinder - wenn
dann noch einer Lust aufs Erfinden hat.
Das ist nicht mehr "sozialliberal", wie sich die Piraten gern
definieren. Das ist kommunistisch. Es macht auch nicht bei
immateriellen Gütern halt: bedingungsloses Grundeinkommen, kostenlose
Öffis - so soll sich die "Plattformneutralität" des Internets auf
weitere gesellschaftliche Bereiche ausdehnen. Nett formuliert:
Freibier für alle. Ehrlicher gesagt: Kolchose und Planwirtschaft.
Der Widerspruch schreit zum Himmel: Die Piraten fordern Schutz vor
einem Staat, der die Bürger kontrolliert und ihnen Wertvorstellungen
aufzwingt. Sobald es aber um Eigentum, Wirtschaft und Sozialtransfers
geht, werfen sie sich einem allmächtigen Staat wollüstig in die Arme.
Freiheit gilt ihnen als hohes Gut, für das sie tapfer kämpfen. Doch
dass es Freiheit nicht ohne das Recht auf Eigentum gibt, dafür haben
sie, im besten Fall, nur ein Schulterzucken übrig. Wissen das ihre
Anhänger? Fest steht: Falls jemand den Universalschlüssel erfindet,
sollte er ihn rasch patentieren lassen - bevor ihn die Piraten
kriegen.

Rückfragehinweis:
Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com

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