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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Vom Bedürfnis nach Leistung und Nutzwert" (Von Frido Hütter)
Ausgabe vom 01.05.2012
Graz (OTS) - Wer jemals mit Kleinkindern in einem Haushalt
gelebt hat, kennt diese Szene. Das Kleine, eben erst der Windeln
ledig, kommt mit dem wohlgefüllten Topf daher und präsentiert
selbigen strahlend den Eltern.
Wenn diese pädagogisch unkundig sind, schimpfen sie ein bisschen und
schicken ihren kleinen Kacker zurück aufs Klo.
Im Hintergrund läuft indes ein anderer Film: Der kleine Mensch
empfindet es als Leistung, sich eigenständig in einen Topf zu
entleeren. Das erzielte Ergebnis betrachtet er als eines seiner
ersten selbst hergestellten Produkte, auf das er stolz ist.
Daran lässt sich ablesen, dass der Wille zu arbeiten und damit
sichtbare Ergebnisse zu erzielen, dem Menschen immanent ist. Ganz
anders, als es dümmliche Sprüche ("Arbeit macht das Leben süß,
Faulheit stärkt die Glieder") insinuieren, ist der Mensch von Grund
auf ein Arbeitstier. Wertneutral betrachtet gilt das für einen
Mafiakiller ebenso wie für Tischler, Ärzte oder Spitzensportler.
Daraus lassen sich diverse Schlüsse ziehen: Je abstrakter eine
Tätigkeit ist, je ferner und verschwommener ihr Sinn, desto geringer
ist das Vergnügen an ihr. Ein Kongolese, der im Coltan-Abbau rackert,
wird sich kaum der Dankbarkeit von Millionen Handynutzern gewiss sein
können, deren Mobiltelefone den Stoff benötigen, um zu leuchten.
Wer indes, wie etwa Chirurgen, Piloten, Maurer, Tierpfleger etc.,
ganz nahe am Nutzwert seiner Tätigkeit werkt, darf sich glücklich
schätzen.
Weiterer Schluss: Erfolgreiche Arbeit sorgt für ein stabiles
Lebensgefühl, weil man durch sie Wertschätzung erfährt. So schrieb
der Gelehrte Wilhelm von Humboldt um 1800: "Das Arbeiten ist meinem
Gefühl nach dem Menschen so gut ein Bedürfnis wie Essen und
Schlafen".
Nun ja, wir wissen, dass es auch davon Ausnahmen gibt. Begabte
Faulpelze, die mit einigem Aufwand daran arbeiten, nicht arbeiten zu
müssen.
Für den überwiegenden Rest aber ist Arbeit ein notwendiger Ausweis
dafür, ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft zu sein, gebraucht zu
werden.
Der wesentliche Stress von Arbeitslosigkeit besteht heute weniger im
physischen Überleben. Nein, es ist das Gefühl eines
Ausgeschlossenseins, einer gesellschaftlichen Zurückweisung, einer
öffentlichen Entwertung. Das alles macht diesen Zustand so traurig
und entwürdigend.
Der große Spötter Oscar Wilde hat zwar gemeint, Arbeit sei der Fluch
der trinkenden Klasse. Und sich selbst widerlegt: Gemessen an seinem
Werk hätte er im Delirium tremens enden müssen. Er starb aber an
einer Gehirnhautentzündung.****
Rückfragehinweis:
Kleine Zeitung, Redaktionssekretariat, Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035, 4047, mailto:[email protected], http://www.kleinezeitung.at
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