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Die Presse am Sonntag- Leitartikel: "Vollgas für Despoten", von Christian Ultsch
Ausgabe vom 22.04.2012
Wien (OTS) - Man kann sich ausgiebig eine unpolitische Welt des
Sports, der Formel 1 und der Songcontests wünschen. Doch leider sehen
das Typen wie der König von Bahrain und der Autokrat von Baku anders.
Die schamlose Ignoranz ist schon erstaunlich. "Wir mischen uns nicht
in die Politik eines Landes ein", sagte Formel-1-Chef Bernie
Ecclestone und dachte nicht im Traum daran, den "Großen Preis von
Bahrain" so wie im Vorjahr abzusagen. Damals galt die Sicherheit der
Fahrer im arabischen Inselstaat noch als gefährdet. Doch mittlerweile
ließ König Hamad al-Chalifa die Demokratiebewegung niederwalzen.
Dutzende Demonstranten wurden getötet, hunderte eingesperrt,
gefoltert, vor Gericht gezerrt, sogar Ärzte, die verletzte Aktivisten
behandelt hatten. Die Reformen, die Bahrains Monarch seither
ankündigte, blieben leere Versprechungen. Immer noch werden
Oppositionelle verhaftet, unlängst wieder mehr als 80, damit es am
Rennwochenende möglichst ruhig bleibt.
Doch das alles, Willkür, Folter und Todesschüsse, ficht Rennfahrer,
Funktionäre und Formel-1-Fans nicht an. "Wir sollten uns nicht den
Kopf zerbrechen über eine Sache, die uns nichts angeht", erklärte der
Weltmeister des Vorjahres, Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel. Solange
das Salär stimmt, zöge er seine Runden vermutlich überall, wo man ihn
hinschickt, auch zwischen vergoldeten Leitplanken in Turkmenistan.
Es ist legitim, sich eine unpolitische Welt des Sports zu wünschen,
in der lediglich der edle Wettstreit zwischen Athleten aus aller
Herren Länder zählt. Es ist jedoch leider naiv. Denn die Machthaber,
die internationale Großereignisse inszenieren, halten sich
erfahrungsgemäß nicht an die harmlosen Maximen, die sie wie
Reklametafeln vor sich hertragen. Sie nützen solche Gelegenheiten, um
sich und ihre Herrschaft in ein schmeichelhaftes Licht zu rücken. So
will Bahrains Monarch der Welt mit dem Autorennen zeigen, dass auf
seinem kleinen Eiland alles in Ordnung ist. Und die Formel 1 ist so
nett und macht mit. Es geht ja auch um viel Geld.
Das Phänomen ist nicht neu. 1936 ließ sich die Weltöffentlichkeit
bereitwillig von den Olympischen Spielen in Berlin blenden.
Schließlich hatte der Reichspropagandaminister von einer "neuen
Epoche des wirklichen Friedens" gesprochen und der Führer für ein
paar Wochen "Für Juden verboten"-Schilder verschwinden lassen. Auch
2008 glaubten Träumer, die Spiele in Peking zögen eine politische
Öffnung Chinas nach sich. Dazwischen störte kaum wen, dass die
Fußball-WM 1978 in Argentinien stattfand, wo gerade eine Militärjunta
einen schmutzigen Krieg gegen das eigene Volk führte. Egal,
Hauptsache: Hans Krankl schoss in Córdoba das 3:2 gegen Deutschland.
Franco-Mythos. Wer dem digitalen Lexikon Wikipedia traut, könnte auf
die Idee kommen, dass Österreich 1969 tatsächlich einmal
ausnahmsweise Haltung zeigte und den Songcontest in Madrid aus
Protest gegen die Franco-Diktatur boykottierte. Doch das ist ein
Mythos, wie ein Blick ins Archiv beweist. Der damalige ORF-Direktor
Helmut Zilk entsandte nur deshalb niemanden zum Grand Prix
d'Eurovision, weil er keinen "repräsentativen Sänger" auftreiben
konnte und nicht schon wieder, so wie im Vorjahr, einen Ausländer
(Karel Gott) nominieren wollte. Heuer instrumentalisiert
Aserbaidschans übler Autokrat Alijew den Gesangswettwerb in Baku für
seine Zwecke, und Teilnehmer aus Österreich wackeln kritiklos mit
ihrem Popo dazu.
Doch ganz so einfach ist die Sache auch auf ethischer Ebene nicht.
Großevents bieten nicht nur Mächtigen, sondern auch
Menschenrechtsorganisationen eine Bühne. Wer redete schon über
Willkür in Bahrain oder Aserbaidschan, wenn dort kein Grand Prix oder
Songcontest stattfände? Umso wichtiger wäre es, dass sich Sportler
oder Sänger kein Blatt vor den Mund nähmen und unter dem Schutz ihres
öffentlichen Status die Rechtsverstöße in fragwürdigen
Veranstalterländern ansprächen. Doch das passiert leider zu selten,
eigentlich fast nie. Wahrscheinlich könnten auch eine Schwimm-WM in
Saudiarabien oder ein Schieß-Contest in Nordkorea ohne Widerspruch
fröhlich über die Bühne gehen.
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
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