• 20.04.2012, 17:00:32
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"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Ihr da oben, wir da unten"

In den 70er-Jahren war das nur ein Buch, heute wird es als Realität empfunden.

Wien (OTS) - Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle verzichtet
auf die Teilnahme bei den Salzburger Festspielen, kündigt er im
Gespräch mit dem KURIER an. Was ist los? Geht der homo litteratus,
der Gelehrte, vor die Plebs, dem gemeinen Volk in Verkleidung des
Boulevards, in die Knie? Sind die Politiker jetzt weichgeklopft und
werden nur mehr am Würstelstand Pressekonferenzen geben, Käsekrainer
mampfen und dabei Armut und Enthaltsamkeit schwören?
Karlheinz Töchterle ist Mitglied der Bundesregierung der Republik
Österreich. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, Kontakte zur Industrie
und zu ausländischen Politikern zu halten. Wenn das nicht mehr im
Rahmen von österreichischen Vorzeigeprodukten, wie den Salzburger
Festspielen, möglich ist, dann übersiedeln wir gleich im Piratenanzug
in die Karibik.
Als die deutschen Autoren Bernt Engelmann und Günter Wallraff in
den 70er-Jahren mit ihrem Buch "Ihr da oben, wir da unten" die Kluft
zwischen Armen und Reichen beschrieben, konnten sie die breite Masse
nicht erreichen. Das Wirtschaftswachstum hatte breiten Wohlstand
herbeigeführt, die Angst vor sozialem Abstieg war nicht verbreitet,
der Politik wurde noch die Kompetenz zugetraut, anstehende Probleme
zu lösen.
All das hat sich verändert. Heute hat sich dieses Gefühl der
Machtlosigkeit "da unten" verfestigt, und die "da oben" werden als
maßlos und raffgierig empfunden, wobei zwischen wirklich Reichen,
deren Einfluss größer wurde, und den Politikern, die in der Realität
an Macht verloren haben, nicht unterschieden wird.
Wenn Politiker jetzt glauben, durch symbolische Verbeugungen vor
dem Boulevard auch nur irgendetwas zu gewinnen, dann irren sie sich
gewaltig. Nicht der Auftritt eines Ministers bei den Salzburger
Festspielen ist das Problem, sondern das verbreitete Gefühl in der
Bevölkerung, dass Politik beobachtet und diskutiert, sich aber bei
notwendigen Entscheidungen einfach wegduckt.
Über die Transparenz bei der Parteienfinanzierung wird schon lange
geredet, jetzt geschieht endlich etwas, dazu mehr im KURIER am
Sonntag. Aber eine Regierung, die vor der Lehrergewerkschaft
kapituliert, die Universitäten sich selbst überlässt und die
Gesundheitsreform als Projekt für das nächste Jahrtausend behandelt,
braucht sich nicht zu wundern, wenn immer mehr Wähler glauben, dass
es mit den Piraten wenigstens lustiger zugehen würde.
Und wenn man uns vorgaukeln will, dass die Schließung der
Schengen-Grenze einen Kriminellen davon abhalten wird, zu uns zu
kommen, wird auch das als Scheinmanöver entlarvt werden. Politik
ist mehr als der Wettbewerb um die bessere Show. "Die da unten"
wollen, dass "die da oben" die wahren Probleme erkennen und klare
Entscheidungen treffen.
Die Politik muss Ungerechtigkeiten identifizieren und Reformen
anpacken. Das hilft mehr als jede symbolische Geste, die als
Anbiederung empfunden wird.

Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601

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