- 13.04.2012, 17:19:42
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"Die Presse" - Leitartikel: Sind die Pazifisten eine Bedrohung des Weltfriedens?, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 14.04.2012
Wien (OTS) - Die heftigen Debatten über einen angemessenen Umgang
mit den iranischen und nordkoreanischen Atomwaffenambitionen erinnern
an den Kalten Krieg.
Anfang der 1980er-Jahre veröffentlichte einer der wichtigsten
Vertreter der "neuen Philosophie" in Frankreich, André Glucksmann,
seine "Philosophie der Abschreckung". Es war das Jahrzehnt, in dem
der amerikanische Präsident Ronald Reagan sich entschieden hatte, die
Sowjetunion bedingungslos als das "Reich des Bösen" zu konfrontieren
und durch sein Bestehen auf dem Konzept der atomaren Abschreckung zur
Hassfigur der pazifistischen Linken Europas, vor allem Deutschlands
wurde.
Dass der französische Linke André Glucksmann Reagans Politik der
atomaren Abschreckung rechtfertigte, empörte die pazifistische Linke
Deutschlands. Einer ihrer prominentesten Vertreter war damals der
grüne Bundestagsabgeordnete Joschka Fischer. Er rezensierte
Glucksmanns Buch für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", und sein
Hauptvorwurf lautete, dass Glucksmann die Welt "ronaldisiere", also
auf dieselbe Weise in Gut und Böse einteile wie der verhasste
amerikanische Präsident.
Glucksmanns Thema war die Frage: "Haben wir das Recht, Frauen, Kinder
und Kindeskinder eines ganzen Planeten als Geiseln zu nehmen? Dürfen
wir die Zivilbevölkerung, zu der wir selbst gehören, mit der
Apokalypse bedrohen? Verdient eine Kultur weiterhin diesen Namen,
wenn sie, um zu überleben, wissentlich ihre Auslöschung riskiert?"
Und er beantwortete diese Frage mit einem klaren Ja. Seine
Argumentation fußte auf dem Gedankenexperiment, was passiert wäre,
wenn es Hitler gelungen wäre, vor den Amerikanern die Atombombe zu
entwickeln.
Die Welt auf die Alternative zwischen Auschwitz und Hiroshima zu
reduzieren, konterte Fischer, kennzeichne weniger den Philosophen als
den Ideologen: "Was, bitte schön, eröffnet denn die Alternative
zwischen Auschwitz und Hiroshima mehr als einen Abgrund in der
westlichen Kultur?" Fischer war nachgerade empört über Gluckmanns
These, dass die wesentlichen Kriege im Zeitalter der nuklearen
Abschreckung nicht mehr geführt werden, weil solche Kriege
notwendigerweise im Selbstmord enden würden. Kein Wunder: Diese These
impliziert, dass von der Friedensbewegung, die der Franzose als eine
Art vorauseilende Unterwerfung unter den sowjetischen Willen zur
Macht interpretierte, mehr Gefahr für den Weltfrieden ausgeht als von
dem amerikanischen Präsidentendummkopf.
Wir wissen heute, wie die Geschichte ausgegangen ist. "The man who
beat communism" titelte der britische "Economist" anlässlich des
Todes von Ronald Reagan. André Glucksmann scheint recht behalten zu
haben. Die pazifistische Linke Deutschlands hat sich bis heute nicht
erholt. Joschka Fischer seinerseits wurde zwei Jahrzehnte später von
seinen eigenen Parteifreunden tätlich angegriffen, weil er sich für
militärische Interventionen aus humanitären Motiven - man prägte
dafür den Begriff des "Menschenrechtsbellizismus" - ausgesprochen
hatte.
Heute geht es in der Debatte um Atomwaffen nicht mehr um die
potenziell apokalyptische Konfrontation zwischen zwei Supermächten,
sondern um die Gefahr, dass schwer berechenbare Regime wie jenes des
iranischen Gottesstaates über Atomwaffen verfügen. Regime, die für
das rationale Kalkül, das Glucksmanns "Philosophie der Abschreckung"
zugrunde liegt, möglicherweise nicht zugänglich sind.
Die Frage lautet heute nicht mehr, ob es sinnvoll ist, tatsächlichen
oder potenziellen Atomwaffenarsenalen von "bösen Staaten" noch
größere Arsenale gegenüberzustellen. Die Frage lautet, wie weit man
gehen darf, um zu verhindern, dass Regime wie Nordkorea und der Iran
in den Besitz von Atomwaffen kommen. Sind Militärschläge zur
Zerstörung oder Behinderung der iranischen Atomwaffenentwicklung
gerechtfertigt, auch wenn sie das Risiko eines Gegenschlags bergen?
Diejenigen, die im israelischen Atomarsenal die eigentliche Bedrohung
sehen und das als Pazifismus camouflieren, unterschieden sich nicht
wirklich von pazifistischen Ideologen, denen André Glucksmann vor
drei Jahrzehnten die Kapitulation vor Moskau vorgeworfen hat. Das
Moskau von damals ist das Teheran von heute.
Rückfragehinweis:
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