- 10.04.2012, 08:50:15
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SOS Mitmensch: Leistungs- und Integrationsdruck auf 3-jährige Kinder ist verwerflich
Eltern und ExpertInnen üben scharfe Kritik an deplazierter Leistungsrhetorik von Staatsekretär Kurz
Wien (OTS) - "In Zusammenhang mit 3-jährigen Kindern von
"Integration durch Leistung" zu sprechen ist deplaziert und
geschmacklos. Kinder sollten die Chance haben, sich in Ruhe zu
entwickeln, sie sollten vor Diskriminierung geschützt werden und sie
sollten sich spielerisch Kompetenzen aneignen, aber sie sollten auf
keinen Fall mit Leistungs- und Integrationsdruck konfrontiert werden.
Der politische Ansatz des unter Integrationsdruck Setzens, der
vielfach diskriminierend angewandt wird, ist schon bei Erwachsenen
kontraproduktiv, bei kleinen Kindern hat er absolut nichts verloren",
ärgert sich Alexander Pollak, Sprecher von SOS Mitmensch.
Integrationsstaatsekretär Sebastian Kurz hatte vor dem
Osterwochenende in einer Aussendung in Zusammenhang mit der
sprachlichen Frühforderung von Kindern ab 2,5 Jahren von "Integration
durch Leistung" gesprochen. SOS Mitmensch begrüßt die sprachliche
Frühförderung von Kindern und begrüßt auch, dass sich Landeshauptmann
Erwin Pröll für die Förderung des Erstspracherwerbs sowie für
Mehrsprachigkeit ausgesprochen hat. Der von Kurz ins Spiel gebrachte
Leistungsansatz, bei dem "Leistung" in erster Linie als Bringschuld
der "Menschen mit Migrationshintergrund" verstanden wird, wird jedoch
sowohl von SOS Mitmensch als auch von ExpertInnen kritisiert.
Betroffene Eltern sind entrüstet.
Hikmet Kayahan (Kommunikationstrainer und Vater): "Mein Sohn ist
2. Er lernt spielerisch zwei Sprachen, so soll es auch bleiben, denn
er ist ein Kind, und keine Leistungsmaschine! Was für ein
Menschenbild müssen Politiker haben, die schon von Kleinkindern
"Integrationsleistungen" einfordern! - Vielmehr würde ich mir
wünschen, dass diese Politiker dafür sorgen, dass mein Sohn in einer
Gesellschaft aufwächst, in der es echte Chancengleichheit gibt, in
der alle Kinder ohne Diskriminierung und Ausgrenzung dieselben
Vorraussetzungen haben!"
Angela Magenheimer (Kindergartenpädagogin und Obfrau von "Ehe ohne
Grenzen"): "Die Eltern in Österreich wünschen sich unabhängig von
ihrer Nationalität oder "Herkunft" optimale Begleitung und Förderung
ihrer Kinder in Kinderbetreuungseinrichtungen. Dafür gilt es die
geeigneten Rahmenbedingungen zu schaffen, wie etwa kleine
Gruppengrößen, angemessene Entlohnung der PädagogInnen sowie
mehrsprachiges Personal. Was wir uns wünschen sind glückliche,
selbstsichere und wissbegierige Kinder, die in ihren Bedürfnissen
ernst genommen werden. Leistungsdenken im Kindergartenalter und die
alleinige Förderung der deutschen Sprache sind keine probaten Mittel
um dies zu erreichen."
Angelika Hrubesch (Sprecherin des Netzwerks Sprachenrechte):
"Sprachliche Frühförderung ist selbstverständlich zu begrüßen, vor
allem, wenn diese auch die Mehrsprachigkeit der Kinder einbezieht.
Wenn jedoch Staatssekretär Kurz das Sprachenlernen von
Vorschulkindern als "Leistung" begreift, die diese zu erbringen
hätten um ihren späteren "Integrationsdefiziten" bereits im
Kindergartenalter entgegen zu wirken, so hat das mit sprachlicher
Frühförderung wenig zu tun. Es werden damit aber bereits die
4-5-Jährigen dafür verantwortlich gemacht, dass sie später zu
"Problemfällen" werden. Studien zeigen jedoch, dass "Integration" von
vielen Faktoren abhängt, nicht nur von "Leistung"; umso schlimmer
und für das Sprachenlernen und (mehrsprachige) Selbstbewusstsein
kontraproduktiv, wenn bereits im Kindergarten Leistungsdruck
aufgebaut wird, und umso größer die mögliche Enttäuschung im
Erwachsenenalter, wenn trotz guter Deutschkenntnisse keine
Chancengleichheit besteht."
SOS Mitmensch ruft Integrationsstaatsekretär Kurz dazu auf, seinen
eindimensionalen und teilweise diskriminierenden Leistungsansatz zu
überdenken und davon Abstand zu nehmen, Kinder unter Leistungs- und
Integrationsdruck zu setzen. "Es ist als diskriminierend zu erachten,
wenn Menschen allein aufgrund ihres so genannten
"Migrationshintergrunds" einen Leistungsnachweis erbringen müssen.
Darüber hinaus ist es falsch, dem Einzelnen die gesamte Verantwortung
für sein Vorankommen aufzubürden und zugleich den Staat aus der
Verantwortung für die Herstellung von Chancengleichheit zu entlassen.
Diesen hochproblematischen Leistungsansatz nun auch auf kleine Kinder
anzuwenden, ist absolut inakzeptabel", betont Pollak abschließend.
Rückfragehinweis:
Alexander Pollak
Tel.: 0664 512 09 25
mailto:[email protected]
www.sosmitmensch.at
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