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OTS0034   9. Apr. 2012, 20:00

"Kleine Zeitung" Kommentar: "Von den Rolling Stones, Jörg Haider und Piraten" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 10.4.2012


Sie sind ja nicht aus dem Nichts gekommen. Die
Piraten-Parteien, die allerorts in Europa Zulauf finden und
Parlamentssitze erobern. Sie wurden bloß von der etablierten Politik,
aber auch von deren professionellen Beobachtern erst ignoriert und
dann (bis heute) falsch eingeschätzt.
Die schwedische Piratpartiet wurde 2006 gegründet. Bei den
Europawahlen 2009 kam sie bereits auf sieben Prozent. Zwei Jahre
später zogen die Berliner Piraten mit neun Prozent ins Stadtparlament
ein, im Saarland errangen sie kürzlich über sieben Prozent.
Im politischen Schlummerland Österreich reibt man sich soeben
verwundert die Augen, dass es nun auch bei uns Piraten gibt. Dabei
agieren sie in lokalen Kleingruppen seit Jahren.
Vorerst sind die Piraten eher ein gesellschaftliches Phänomen, das
sein politisches Gewicht in den Mühen der demokratischen Ebene erst
beweisen wird müssen. Das steht noch völlig in den Sternen.
Aber schon jetzt kann man ihre expansiven Kräfte und damit ihre
Auswirkungen auf die bestehenden Parteien ahnen.
Die Spaßgesellschaft gibt es immer noch, sie wird aber durch
Krisengebimmel verunsichert. Das mobilisiert. Besser als alle anderen
digital-sozial vernetzt, können sich die Piraten träge
Plakatwahlkämpfe weitgehend ersparen. Kommunikation im
Flashmob-Tempo.
Während die Altparteien noch immer mit Restrudimenten ihrer einstigen
Ideologien hausieren, haben die Piraten eine schlichte Botschaft:
Freiheit.
Frei sein im Internet, frei vom Überwachungsstaat, frei von
paternalistischer Politik, frei von religiös motivierten Regeln, frei
von Ideologie etc. Das ist ein Programm, das Songtexte aus 50 Jahren
Popgeschichte verdichtet und das die tumben Toren in den Parteibüros
ebenso überrennen wird wie etwa die Rolling Stones damals allen
überkommenen Benimmdich.
So paradox es klingen mag: Aber ein möglicher Erfolg der Piraten wird
strukturell jenem von Jörg Haider ab den achtziger Jahren nicht
unähnlich sein: Schon er fand Gegner vor, die durch die Fettschichten
langjähriger Machthabe faul und unflexibel geworden waren. Er legte
den Finger auf (immer noch) offene Wunden. Er wirkte irgendwie
modern, er mengte mühelos Wutgeheul und Partylärm zu Lifestyle.
Und er war vor allem der Patron der Protestwähler, die entweder den
Wahlen fernblieben oder ihre diffuse Wut bei der FPÖ deponierten. So
gesehen ist nicht auszuschließen, dass die heimischen Piraten auch
Heinz-Christian Strache Stimmen kosten könnten. Das wäre gerecht und
heilsam zugleich.****

OTS-Originaltext Presseaussendung unter ausschließlicher inhaltlicher Verantwortung des Aussenders.
OTS0034 2012-04-09 20:00 092000 Apr 12 PKZ0001 0387



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